Schätzen, Sinieren, Syrien

Bemüht man Google-Maps, dann wird man feststellen, dass es von Kairo nach Damaskus eigentlich so weit gar nicht ist. Um die 650 Kilometer. Jerusalem in Israel ist da räumlich schon erheblich näher dran. Nur rund 220 Kilometer trennen die Hauptstädte der beiden Todfeinde Syrien und Israel. Das klingt alles recht nah beieinander, doch wenn es um die Berichterstattung deutscher Medien aus dem Nahen Osten geht, dann scheinen Zeit und Raum keine Rolle zu spielen.

Seit der so genannte Arabische Frühling im Maghreb und im Nahen Osten wütet, tun sich deutsche Medien zusehends schwer mit der Berichterstattung. Es wird viel analysiert, gemutmaßt und ein Experte nach dem anderen bemüht. Erstmals auffällig wurde das in Lybien. Als sich Rebellen gegen das Regime erhoben und Städte wie Tobruk und Bengazi ennahmen, dauerte es eine ganze Weile, bis sich ein deutscher Korrespondent mal vor Ort traute. Ein subjektiver Eindruck von mir? Vielleicht, aber irgendwie habe ich Dietmar Ossenberg Abend für Abend und Sendung für Sendung aus dem ZDF-Studio in Kairo analysieren hören. Dabei waren die Fragen der heute- und heute-journal-Moderatoren mindestens genauso dämlich, wie Ossenbergs Antworten. Man merkte ihm an, dass er genauso gut auf der Insel Sylt über die Lage in Lybien hätte referieren können. Ob er da in Kairo weilte oder sonst wo, das spielte in diesem Zusammenhang absolut keine Rolle. Und man merkte es ihm auch an, dass ihm das nicht so recht schmeckte. Denn seine Äußerungen vor Millionenpublikum beschränkten sich meist auf Mutmaßungen gewürzt mit arabisch-kulturellen Einschätzungen.

Etwas früher von der Leine ließ das ZDF dann offensichtlich Stephan Hallmann. Und was dieser eher unscheinbar wirkende Reporter aus Lybien berichtete, das konnte sich sehen lassen. Er war vor Ort und konnte fundiert und auf den Punkt Nachrichten bringen. Das hat mir imponiert. Richtig aufhorchen ließ mich eine Reportage, als Hallmann gemeinsam mit Rebellen in der Lybischen Wüste unterwegs war. Und das zu einem Zeitpunkt, als der Sieg über Gadaffis Schergen noch weit entfernt war und der Krieg tobte. Da musste ich dann vollends den Hut vor ihm ziehen und war erstaunt über den Mut des Mannes. Eine Ausnahme? Vielleicht. Gleiches kann man längst auch in Syrien beobachten. Waren Schlachten auf den vermeintlichen Höhepunkten angelangt, dann gab Ossenberg wieder jeden Abend sein Statement dazu aus Kairo ab. Zwischenzeitlich haben sie ihn mal für fünf Tage nach Damaskus reingelassen. Wenigstens was. Noch viel schlimmer ist die unklare Nachrichtensituation in Syrien, als sie in Lybien jemals war. Die Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen und der Privatsender behelfen sich zusehends mit Youtube-Videos. Was den Zuschauer allerdings mehr als diese verwackelten Bilder verwirren kann, sind die Headlines und auch die eigentlichen Texte, die da zum Besten gegeben werden. Ganz gleich ob nun in gesprochener oder zu Papier gebrachter Version.

Wochenlang wird geschwafelt, dass das syrische Regime den Sturm auf Homs vorbereitet. Dann auf einmal findet der Sturm auf Homs statt, nur um zwei Tage später wieder vorbereitet zu werden. Das geht dann Woche für Woche so. Mal ist die Stadt eingeschlossen, mal wird die „Rebellenhochburg“ zum Teil von Rebellen kontrolliert. Dann hat das Regime plötzlich die Stadt erobert, um sich zwei Tage später auf einem anderen Sender wieder auf den Sturm auf Homs vorzubereiten. Dann wird den Deutschen erzählt, dass das syrische Militär den Rebellen haushoch überlegen ist. Schaltet man um oder blättert man in einer anderen Zeitung, dann bekommt man zu lesen, dass die syrische Armee den Krieg nicht mehr gewinnen kann und nur noch 30 Prozent des Landes kontrolliert. Und das alles immer wieder garniert mit Youtube-Videos von zerstörten syrischen Panzern und feiernden Rebellen, die zwischendurch auch mal einen Jet der syrischen Luftwaffe vom Himmel geholt haben wollen. Woanders liest man, dass nur Hubschrauber im Einsatz seien. Und so geht das weiter. Die gleiche Desinformation bei Kämpfen in Damaskus und Aleppo. Um es auf den Punkt zu bringen: Die deutschen Medien wissen nicht, was in Syrien wirklich vor sich geht. Und sie wussten auch nicht, was in Lybien vor sich ging. Selbst als es in Ägypten für den damaligen Präsidenten Mubarak eng wurde, sinierte Dietmar Ossenberg daher, dass er nicht mit einem baldigen Abgang des Diktators rechne. Die Halbwertszeiten dieser Aussagen sind sehr niedrig anzusetzen, das hätte er wissen müssen. Immerhin hatte er auch so seinen Auftritt während der Unruhen in Ägypten. Einige dieser Journalisten äußern sich längst so vorsichtig und schwurbelhaft wie Politiker, wenn es um Fragen der Langlebigkeit nahöstlicher Regimes geht. Diese indirekte Art der Berichtserstattung kann man den deutschen Journalisten dabei noch nichtmal übel nehmen. Erstens ist es sehr gefährlich und sehr schwer, in Länder wie Syrien zu kommen, um dort vor Ort zu berichten. Und zweitens ist die Art der Berichterstattung davon abhängig, ob man sich vom Regime nach Damaskus zur Propaganda-Tour einladen lässt oder gemeinsam mit Rebellen in Aleppo unterwegs ist, um dort Leib und Leben zu riskieren. Denjenigen, die dennoch von dort berichten, muss Respekt gezollt werden!

Was man dem Gros der deutschen Medien deshalb vorwerfen muss, ist die Masse an Mutmaßungen, die jeden Tag über den Äther und durch den Blätterwald gejagt wird bei gleichzeitiger Vorspiegelung von Wissen. Das nervt und so verkaufen sie ihre Konsumenten für dumm, denn die Leute merken glasklar, was da gespielt wird. Zumindest viele merken das. Die Quintessenz: niemand weiß, was derzeit in Syrien wirklich passiert. Niemand weiß wirklich, aus welchen Einheiten sich die Freie Syrische Armee zusammensetzt und was ihr Ziele sind (abgesehen vom Kopf von Baschar al-Assad). Niemand kann sagen, wie stark die Truppen Assads noch sind und welche Mittel sie noch zur Verfügung haben, um gegen Rebellen und vielleicht auch gegen Zivilisten vorzugehen. Mehr als Mutmaßungen, Schätzungen, Interpretationen und auch Wunschdenken sind nicht drin. Daran sollte man unbedingt denken, wenn man öffentlich-rechtliche und auch private Medien konsumiert. Gleiches gilt für Zeitungen jedweder Couleur. Auf die Spitze treibt es die deutsche Journaille fast schon gewohnheitsmäßig in Sachen Israel. Bereits lange bevor ich im Mai nach Jerusalem unterwegs war, hat man mich von allen Seiten gewarnt, es mir doch noch einmal zu überlegen. Warum? Weil Deutschlands Presse einen Krieg gegen den Iran herbeigeschrieben hat, wie man es sich kaum vorstellen kann. Und sehr viele Leute aus meinem Umfeld sind auf diesen Zug mit aufgesprungen, weil sie es einfach nicht besser wussten und wissen. Woher auch. Zwischenzeitlich war Ruhe, der Tanz geht aber derzeit wieder von neuem los. Das ist „German Angst“ par excellence auf den Nahen Osten projiziert. Da wurde losgepoltert, dass israelische Jagdbomberstaffeln schon in der Luft seien und im Anflug auf Teheran, die dann aber doch in letzter Sekunde zurückgepfiffen wurden. Wahrscheinlich von Heilsbringer Obama höchstpersönlich. Yes we can! Infernalische Zerstörungsszenarien wurden sich ausgemalt, die Bomber mit dem Davidstern auf der Tragfläche auf der angemieteten Air Base in Aserbaidschan wurden rund um die Uhr betankt und aufmunitioniert. In der Phantasie geht alles. Zwischendurch ballerte dann die Hamas tatsächlich mit Raketen auf Israel, aber das war der deutschen Medienlandschaft weniger eine Meldung wert, als der aufziehende Weltkrieg gegen Iran. Natürlich ist Israel alles schuld, gar keine Frage. Wenigstens da sind sich alle einig. Gegenstimmen unerwünscht. (Was für ein Segen, dass es die Achse gibt!)

Als ich dann in Israel ankam, war von alledem nicht viel zu merken. Natürlich berichteten Israels englischsprachige Medien über diese Krise, aber von einer besonderen Kriegsangst war nichts zu spüren. Vorher hat SS-Kamerad Grass noch Weisheiten zum Besten gegeben, die für Irritationen sorgten, über die ich mich hier aber mal nicht mehr auslasse. Bleibt festzuhalten, dass ich zunehmend auf freie Blogs zurückgreife, um mir ein einigermaßen schlüssiges Nachrichtenbild anzueignen. Das ist wie ein Puzzle. Die Komposition aus deutschem Fernsehen, das seinen Auftrag längst nicht mehr nur in der Information, sondern auch in der Meinungsbildung definiert, aus Zeitungen, die fast alle durch die Bank nur noch das persönliche Gusto des jeweiligen Schreiberlings wiedergeben und aus Blogs, von denen man im Netz wahre Perlen finden kann, bilden letztlich ein Mosaik. Ob man dann der Wahrheit ein Stück näher ist? Ich weiß es nicht!

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Eine Antwort to “Schätzen, Sinieren, Syrien”

  1. Zahal Says:

    Reblogged this on World-Media-Watch und kommentierte:
    Deutsche Medien (y(*

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