Der Feind meines Feindes

Auf einem neuen Höhepunkt befindet sich derzeit die deutsche Medienlandschaft in Sachen Berichterstattung rund um den Bürgerkrieg in Syrien. Wie ich hier an anderer Stelle bereits ausgeführt habe, muss man bei Meldungen von den syrischen Schlachtfeldern nicht nur ganz genau aufpassen, sondern per se erstmal nichts glauben und auch nichts für bare Münze nehmen. Je spektakulärer dann die Nachricht rüberkommt, desto größer sollte das Misstrauen sein. Diese Lektion muss man als Konsument deutscher Medien stets im Hinterkopf behalten. Nicht nur bei Syrien.

Jüngstes Beispiel ist die Schlacht um die syrische Grenzstadt al-Qusayr. Dort sind bereits vor einigen Wochen Einheiten der Assad-Armee und der libanesischen Hisbollah-Miliz in die Offensive gegangen und haben wohl recht zügig einige Stadtbezirke des rund 50.000 Einwohner zählenden Ortes eingenommen. Wann die Schlacht wirklich begann und wie sie sich seitdem entwickelt, ist unklar. Nicht für den Spiegel und erstaunlicherweise auch nicht für die Welt. Beide machten mit einer spektakulären Meldung den Aufgalopp, dass die syrischen Rebellen geschlagen seien, der BND mit seiner Einschätzung zur Lage im syrischen Bürgerkriegsgebiet falsch lag und Assad nun doch den Konflikt für sich entscheiden würde. So einfach ist das. Schaut man sich auf Youtube und Liveleak etwas um, dann wird man schnell feststellen, dass um die Stadt bereits seit Anfang April hart gefochten wird. Und nicht erst seit dem Zeitpunkt der Welt- und Spiegel-Meldung. In anderen Landesteilen scheint das Regime zudem nach wie vor klar in der Defensive zu sein.

Der Wankelmut der deutschen Medien ist keine Besonderheit. Dieser sehr drastische und offensichtliche Umschwung um 180 Grad erregte dann aber logischerweise doch meine Aufmerksamkeit. Also schaute ich mal etwas genauer hin und bemerkte recht zügig, dass die spektakulären Headlines der großen deutschen Nachrichtenmagazine der Realität nicht lange standhalten würden. Zunächst einmal scheint es so zu sein, dass al-Qusayr nicht vom Regime eingenommen wurde. Zumindest nicht komplett. Tatsächlich sollen Regierungstruppen in Stadtteile vorgedrungen und dabei erheblich von Kämpfern der Hisbollah unterstützt worden sein. Die aktuelle Lage soll sich demnach etwa so darstellen, dass Regierungstruppen und Hisbollah rund 50 Prozent des Stadtgebietes eingenommen haben, während die Rebellen den Rest der Stadt nach wie vor halten. Wie viele Hisbollah-Milizionäre tatsächlich im Einsatz sind, ist ebenfalls vollkommen unklar. Manche Quellen sprechen von rund 1.000, während andere mehr als 7.000 Kämpfer melden. Einig sind sich zahlreiche Quellen aber über die verhältnismäßig hohen Verluste der Hisbollah, die auf sehr heftige Gefechte schließen lassen.

Offensichtlich ist jedoch, dass gerade die Hisbollah der Offensive der syrischen Regierungsarmee an der Front bei al-Qusayr erheblichen Schwung verliehen hat. Zumindest zu Beginn der Attacke, die die syrischen Rebellen an diesem Abschnitt in schwere Bedrängnis gerieten ließ. Schaute man abseits der deutschen Medien, konnte man bereits wenige Tage später feststellen, dass sich das Kräfteverhältnis längst wieder ausgeglichen hatte. Rebellen scheinen freie Truppenteile aus dem ganzen Land an die libanesische Grenze zur umkämpften Stadt zu verlegen. Ganz bewusst schreibe ich hier mehr als ein mal „scheinen“. Denn niemand kann die Bilder bei Youtube wirklich verbürgen. Aber sie sind doch um ein vielfaches aufschlussreicher als das meiste, was der deutschen Öffentlichkeit von vielen Medien als Wahrheit vorgegaukelt wird.

In Sachen Internet hat die syrische Regierung in den letzten zwölf Monaten erheblich dazugelernt. War es in der Anfangsphase des Konfliktes so, dass auf Videoplattformen wie Youtube oder Liveleak Aufnahmen der Rebellen und Regierungsgegner dominierten, hat sich das längst ausgeglichen. Auch aus der Sicht der Regierungsarmee findet man inzwischen zahlreiche Kanäle mit Aufnahmen, die reine Kampftätigkeiten zeigen. Besonders eifrig sind hier zahlreiche russische Spartenkanäle. Dass prügelnde und folternde Shabiba-Milizen schlecht für die Außendarstellung einer „Sache“ sind, hat man in Damaskus ebenfalls begriffen. Viel seltener tauchen die entwürdigenden und menschenverachtenden Aufnahmen aus Assads Folterkellern und Hinterhöfen auf. Wie es freilich in den Foltergefängnissen in Syrien tatsächlich und noch immer ausschaut –  nicht nur in denen der Regierung, auch die Rebellen haben lange ihre Unschuld verloren –, vermag man sich nicht wirklich vorzustellen. Aus der Sicht des Beobachters ist diese Entwicklung Fluch und Segen gleichermaßen. Fluch einerseits, da Videos und auch Texte aus Regierungskreisen viel mehr von Propaganda geprägt sind, als eben jene aus den Reihen der Rebellen. Segen andererseits, da man sich auf diese Weise trotzdem ein sehr viel besseres Bild von der Gesamtlage machen kann. Allein die Aufnahmen der GoPro-Kameras, die an T-72 Panzer der Regierungstruppen montiert wurden, sind einen Blick wert. Dennoch sollte man beim Betrachten derartiger Videos immer vorsichtig sein und genau wissen, auf was man sich da einlässt. Denn gezeigt wird alles, zensiert wird selten. Und Krieg ist grausam. So sind dann auch die Videos. Nichts für Zeitgenossen, denen das den Schlaf rauben könnte.

Die räumliche Nähe dieses Bürgerkriegs zu Israel ist nirgends so gegenwärtig wie auf den Golanhöhen. 1967 eroberte Israel im 6-Tage-Krieg den Höhenzug und hält ihn seither. Unmittelbar an der Grenze gab es recht gut dokumentierte Kämpfe zwischen syrischer Armee und Rebellen. Granaten flogen inzwischen auch über den Grenzzaun in israelisches Gebiet. Die Regierung in Jerusalem sperrte daraufhin kurzfristig den Luftraum im Norden des Landes. Und erwiderte auch das Feuer, denn nicht jeder Schuss auf Israel war ein Irrläufer. Es wurde auch ganz gezielt gefeuert. Israel wird zunehmend in diesen Konflikt mit hinein gezogen und gezwungen, militärisch einzugreifen. Erwähnenswert sind hier die mindestens zwei Luftschläge auf Einrichtungen in und um Damaskus, die direkt mit der Hisbollah zusammenhängen. Die Israelische Luftwaffe nahm hier gezielt Gebäude, aber auch Fahrzeug-Konvois aufs Korn. Für Israel ist es keine Option, die Hisbollah im Libanon mit modernen Luftabwehrsystemen ausgerüstet zu sehen. Jeder Luftschlag gegen die Terrororganisation wäre für Israel dann ein unkalkulierbares Risiko. Und genau diese Waffen sollten offensichtlich von Syrien in den Libanon geliefert werden.

Wer den Krieg aufmerksam beobachtet, dem wird nicht entgangen sein, dass auch in der Luft gekämpft wird. Bzw. es wird aus der Luft und vom Boden aus gekämpft. Zuletzt tauchten verstärkt Videos auf, in denen man recht anschaulich sehen konnte, wie offensichtlich Rebellen Hubschrauber und sogar Jets der Regierungstruppen vom Himmel holten. Seltener gelangen diese erstaunlichen Erfolge durch den Einsatz von auf Fahrzeugen montierten automatischen Kanonen. Erfolgreicher operieren die Aufständischen offenkundig mit dem SA-7 Luftabwehrsystem aus russischer Produktion, das ähnlich wie sein amerikanisches Gegenstück „Stinger“ von der Schulter aus abgefeuert werden kann. So bleibt der Luftkrieg zwar einseitig, doch verliert die syrische Luftwaffe auch an dieser Front Material und Personal, das sich nur sehr schwer ersetzen lässt. Inzwischen haben die Rebellen auch eine ganze Reihe an Militärflughäfen mit voll funktionsfähigen Kampfmaschinen eingenommen. Doch reicht das nicht, um eine eigene Luftwaffe zu etablieren.

Insofern erübrigt sich die Frage, zu welchem Zweck die syrische Regierung die jetzt von Russland versprochenen S-300 Flugabwehrsysteme benötigt. Diese sind bodengestützt, großkalibrig und verfügen über eine enorme Reichweite. Da die Rebellen keine Luftwaffe haben, richtet sich dieses System eindeutig gegen Israel. Brisant: Die S-300 sind locker dazu in der Lage, israelische Flugzeuge noch im Luftraum Israels von Syrien aus zu bekämpfen. Die Wege sind sehr kurz in der Region. Damit setzt Syrien Israel unter einen erheblichen Druck und spielt mit dem Feuer, auch wenn es noch Monate dauern dürfte, bis das hochkomplexe und moderne Raketensystem tatsächlich einsatzbereit ist. Assad scheint darauf aus zu sein, Israel immer stärker in die Kampfhandlungen zu ziehen. Warum er das tut, darf interpretiert werden. Sollte Israel ernst machen und auf dem Golan den Fehdehandschuh aufnehmen, weiss Assad nur zu gut, dass er mit seiner zerlumpten und abgekämpften Armee den Profis aus dem verhassten Nachbarland vielleicht einen Tag standhalten kann. Rebellen und Islamisten würden das entstehende Machtvakuum zügig ausfüllen. Assad spekuliert vielmehr darauf, dass sich andere arabische Staaten auf Syriens Seite schlagen, um gegen Israel vorzugehen. Er braucht den massiven israelischen Militärschlag und den möglicherweise folgenden solidarischen Aufschrei der arabischen Welt,  um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Sieht so die Strategie eines Mannes aus, dessen Armee das Ruder im Bürgerkrieg rumgerissen hat? Ein riskantes Vabanquespiel, das nicht aufgehen wird. Seit Israel existiert träumen gewisse arabische Führer ihre Vernichtungsphantasien von einem vereinten Schlag gegen den jüdischen Staat. Auf Kosten des Volkes und der Soldaten. Es hagelte immer schwere Niederlagen. Jetzt zündelt Assad, der ohnehin mit dem Rücken zur Wand steht.

Der Konflikt in Syrien ist unübersichtlich und verwirrend. Das wird sich auch in absehbarer Zeit nicht ändern. Nur weil sich Assad nun auch aggressiv gegen Israel wendet, bedeutet das nicht, dass man in Jerusalem automatisch auf Tuchfühlung mit den Rebellen geht. Und umgekehrt erst recht nicht. Breite Teile der Rebellen bestehen aus knallharten Islamistengruppen, die enge Kontakte zu al-Kaida unterhalten sollen. Natürliche Feinde Israels. Selten hatte der Spruch „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ so wenig Bedeutung wie in diesem Nahost-Konflikt. Spätestens hier geht Assads Rechnung nicht mehr auf. Im Konflikt kämpft die Hisbollah (Schiiten) mit der syrischen Regierungsarmee (Aleviten) gegen die syrischen Rebellen (Sunniten und andere). Im Norden mischen auch noch die Kurden mit (Sunniten und andere), die ihr Gebiet gegen alle kriegführenden Parteien verteidigen. Und fast alle sind sie Moslems, was Vereinigungsphantasien gegen Israel ad absurdum führt. Gleiches gilt für die gesamte islamische Welt. Hier der schiitische Iran, der Waffen und Personal an Assad, aber auch an die Hisbollah liefert. Dort das Sunni-Königreich Saudi-Arabien und die kleineren Golf-Staaten, die Geld und Waffen an die islamistische Opposition liefern. Staaten wie Ägypten sind geschwächt vom so genannten Arabischen Frühling und somit nach wie vor sehr mit sich selbst beschäftigt. In Kairo wissen wohl inzwischen auch die in der Realpolitik angekommenen Muslimbrüder, dass Frieden mit Israel lukrativer ist als ein chancenloser Waffengang für Assad oder andere Ziele aus Profilierungsgründen. Auch die Türkei spielt ihre Rolle in dem Konflikt. Wenn auch mehr verbal, denn tatsächlich. Assad träumt wenn er wirklich denkt, dass er diesen in sich verzankten Islam gegen das hellwache und gut beschützte Israel aufbringen und sich damit retten kann.

Ich wiederhole mich wenn ich hier erneut schreibe, dass deutsche Medien in dem Konflikt gerne mal Hinweisgeber sein können. Die echten Informationen bekommt man vielleicht woanders. Garantiert ist das nicht, man muss sich reinlesen, viel interpretieren, vergleichen und schlussfolgern. Dann kommt man der Sache eventuell einen Schritt näher. So oder so wird uns dieser Krieg noch eine ganze Weile beschäftigen. Es wird sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen, wie sehr Israel von Assad mit in den Konflikt gezogen und wie Jerusalem damit umgehen wird. Auch wird sich zeigen, ob die untätigen USA mit einem schwachen Präsidenten Obama und die vollkommen gelähmten Europäer handeln werden. Sei es nun militärisch (unwahrscheinlich), oder aber in Form von Aufrüstung der säkularen Opposition (eher wahrscheinlich). Und in dieser Angelegenheit ist Rußland sehr umtriebig. Denn neben der angekündigten Lieferung der S-300 Luftabwehrsysteme versprach Moskau seinem Zögling Assad jetzt auch noch zehn Mig-29 Kampfbomber. Rußland positioniert sich so noch deutlicher, als es natürliche Verbündete Syriens wie der Iran wagen. Deutschland wird wie gewohnt gar nichts tun. Wenn man von wohlfeilen Tipps aus dem Auswärtigen Amt und der angedachten Lieferung von Kampfwesten absieht. Man muss wirklich täglich am Ball bleiben, um bei diesem diametralen Konflikt nicht den Faden zu verlieren.

 

Wer sich unabhängig zum Thema informieren möchte, dem empfehle ich „Brown Moses Blog“:

http://brown-moses.blogspot.co.uk/

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2 Antworten to “Der Feind meines Feindes”

  1. Yve La Roux Says:

    Gut zusammengetragen! Respekt.

  2. tribun76 Says:

    Jetzt darf die Einnahme als bestätigt gelten: http://brown-moses.blogspot.co.uk/2013/06/video-shows-opposition-forces-and.html

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