Hebron, 9. Oktober 2013

Die Höhle der Patriarchen in Hebron

Die Höhle der Patriarchen in Hebron

Als Sigmar Gabriel im vergangenen Jahr die herrschenden Umstände in Hebron als „Apartheid“ abstempelte, war mir ohnehin ziemlich klar, dass das SPD-Monstrum von den wirklichen Geschehnissen vor Ort keine Ahnung hatte. Umso mehr bin ich seit Jahren bestrebt, mir zu diesem Thema Wissen anzueignen. Zumal Hebron öfters in den Medien zu finden ist. Und das meist vor dem Hintergrund der angeblich „militanten Siedler“ auf israelischer Seite und den unterdrückten Palästinensern auf der anderen. Wie so oft machte mich das selbstverständlich misstrauisch. Je böser die Israelis dargestellt werden, umso mehr lohnt es sich doch wirklich mal genauer hinzuschauen. Und auch nachzulesen. Bücher sind schön, Papier ist geduldig. Man muss schon persönlich hinfahren, sich ein Bild machen und mal mit den Leuten dort reden. Und genau das habe ich getan.

Im vergangenen April buchte ich also Israel und reservierte mein Zimmer zentrumsnah im Abraham Hostel in Jerusalem. Direkt habe ich das Angebot von Abraham Tours nach Hebron mitgebucht. Der Clou: es handelt sich bei diesem Ausflug nicht um einen derartigen wie beispielsweise von „Breaking the Silence“. Vielmehr ist man seitens der Organisatoren bemüht, beide Seiten des Konfliktes zu Wort kommen zu lassen. So zogen Sophie und ich also in Richtung „Palästina“ bzw. „Judäa und Samaria“ los, begleitet von einer internationalen Gruppe, bestehend aus 16 weiteren Amis, Iren, Franzosen, Schweizern und Italienern. Um 8 Uhr kam Adam zum Hostel und holte uns ab. Adam war unser israelischer Guide und, wie sich später herausstellte, auch Bewohner einer der so genannten jüdischen „Siedlungen“ in Hebron. Mir war er von Anfang an sehr sympathisch, da er einen wirklich aufrichtigen und authentischen Eindruck auf mich machte. Der Mann war mit seinen Emotionen voll bei der Sache. Seinem Englisch nach zu urteilen wahrscheinlich zugewanderter Amerikaner. Derer sollten uns am heutigen Tage in Hebron noch einige begegnen.

Tourguide Adam von Abraham Tours erläutert die Lage

Tourguide Adam von Abraham Tours erläutert die Lage

Mit der Straßenbahn fuhren wir vom Hostel an der Jaffa Road zur Central Bus Station. Das sind nur ein paar Stationen. Dort stiegen wir in einen der Egged-Überlandbusse. Für mich eigentlich nichts besonderes mehr. Neu für mich war, dass die Busse von Jerusalem nach Hebron (rund 45 Kilometer) mit schusssicherem Glas verstärkt sind. Das hat zwar den Vorteil, dass einen Scharfschützen unterwegs nicht direkt wegblasen können. Dafür ist es ein klein wenig enger, da die Panzereinlage ordentlich in die Sitze reinreicht. Aber das muss so sein. Was ich allerdings nicht herausbekommen habe: sind nur die Fenster schusssicher? Oder auch die Wand der Busse unterhalb der Fensterreihe? Nach Hebron fuhren wir etwas länger als eine Stunde. Der Bus machte unmittelbar vor der Stadt einige kurze Stopps in den israelischen Wohngebieten, bis er uns vor der Höhle der Patriarchen absetzte. Dort führte uns Adam zu einer Stelle, an der wir an unseren palästinensischen Guide übergeben wurden. Adam – den wir später wiedertreffen sollten – und Lina (mit Kopftuch) trafen sich persönlich und machten auch ein wenig Small-Talk. Doch merkte man beiden schon an, dass sie nicht die besten Freunde werden würden. Es wurde etwas frostig. Und doch ist diese Organisation in Hebron einzigartig, da Moslems und Juden dort sonst keinerlei Austausch pflegen. Mehr als 160.000 Araber leben in Hebron. Ebenfalls haben sich dort etwa 1.000 jüdische Israelis zentral in stark bewachten Wohngebieten niedergelassen. Weitere israelische Wohngebiete mit mehreren tausend Bewohnern finden sich in Hebrons Vororten. Allgegenwärtig sind deshalb die israelische Armee und die Grenzpolizei, die in der Stadt unzählige Checkpoints eingerichtet haben. Der Vormittag begann also auf der arabischen Seite Hebrons. Lina war mir keineswegs unsympathisch. Sie war sehr freundlich und bemüht und ich war ja auch offen für die palästinensische Seite der Geschichte. Aber je länger sie erzählte, desto öfter musste ich schmunzeln. Ob es nun die Räuberpistole in der Altstadt war, als man uns erzählen wollte, dass auf die mit Netzen bespannten Soukgassen von den umliegenden (jüdischen) Häusern Müll geworfen wurde. Das ist so richtig schön plakativ für die Kameras hergerichtet. Oder das ewige Märchen vom Wasser, das man seitens der Israelis den Palästinensern ja nur in unzureichender Menge zur Verfügung stellen würde. Immer wieder machte ein älterer Italiener auf sich aufmerksam, der hochintelligente Fragen stellte und die zunehmend ins Schwimmen geratende Lina unsicher machte.

Tourguide Lina erläutert die palästinensische Sicht der Dinge

Tourguide Lina erläutert die palästinensische Sicht der Dinge

Denn die Quintessenz ihres gesamten Vortrages war leider nur, dass die Israelis ganz schlimm sind, jeden Tag willkürlich die Männer aus den Häuern heraus verhaften und manchmal auch welche umnieten. Und man wünsche sich seitens der Palästinenser ja doch nur Menschenrechte und Freiheit. Man dürfe ja auch nirgendwo hin reisen. Das müsse man doch verstehen. Die Israelis sind ausschließlich Täter, die Araber ausschließlich Opfer. Ein Franzose stellte ihr beim Mittagessen die Frage, was sie davon halten würde, dass manche Israelis Angriffe seitens der Palästinenser fürchten würden und ob die ganzen Sicherheitsmaßnahmen denn nicht doch ihren Sinn hätten. Da stieß sie ein unnatürliches und sehr gezwungenes Lachen aus und meinte allen Ernstes, dass man doch gar keine Waffen in Hebron hätte. Die Israelis würden ja schon ein Massaker daraus machen, wenn sich zwei palästinensische Kinder mit Bauklötzen bewerfen würden. Unglaublich. Kein Wort davon, dass einige Wochen zuvor vor der Höhle der Patriarchen ein 20-jähriger Unteroffizier der israelischen Armee von einem palästinensischen Scharfschützen erschossen wurde. Ab einem bestimmten Punkt habe ich dann verstanden, dass sie wahrscheinlich auch nicht anders konnte. Selbst wenn sie wollte. Es ist kein Geheimnis, dass Palästinenser, die gegen die geltenden antiisraelischen Ressentiments reden – die in den Gebieten der Palästinensischen Autonomiebehörde selbstverständlicher Konsens sind -, schnell auf schwarzen Listen stehen.

Der Vormittag war sehr politisch und unglaublich interessant. Die Höhle der Patriarchen (Machpela) haben wir zuerst besucht und dort die Runde im moslemischen Teil gemacht. Die Frauen mussten dort vollkommen lächerliche Zipfelmützenanzüge überziehen und sahen aus wie Schlümpfe. Albern. Wir Typen konnten rumlaufen wie wir wollten, nur Schuhe bitte dabei ausziehen. Zu bestaunen gab es leere Särge der biblischen Urväter Abraham, Isaak sowie Jakob und deren Gattinnen Lea, Rebekka und Sara. Die Erzväter – und die Mütter auch – sind im Keller des wuchtigen Gebäudes untergebracht. Zumindest sagt man das. Deshalb wurde an einer Wand ein kleiner Schacht nach unten freigelegt, zu dem man sich nach unten bücken muss. Dort darf man den Duft der Patriarchen schnuppern (kein Witz). Der Spaziergang durch Hebrons Altstadt war echt spannend. Überdosis Naher Osten. Laut Lina haben die Palästinenser ja unglaubliche Schwierigkeiten, Waren zu importieren. In den Souks stapelte sich die Auslage bis unter die Decke und die Verkaufstische bogen sich unter den Massen der Klamotten. Wie dem auch sei, von dieser Altstadt hätte ich gern noch mehr gesehen, obwohl das arabische Hebron als äußerst konservativ gilt. Ich habe keine Frau ohne Kopftuch gesehen. Später erfuhr ich, dass in der Öffentlichkeit rauchende und unverhüllte Frauen Schwierigkeiten bekommen würden. Wir wanderten weiter zu einem Checkpoint der Armee und waren dann in einer Art Mischbereich. Palästinenser dürfen dort gehen und haben auch Wohnungen, aber es befinden sich auch Israelis dort. Zivilisten und Truppen. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich das System der Zonen, Zuständigkeiten und Befugnisse nicht so recht verstanden habe. Aber das ist auch überaus kompliziert. Einerseits werden beide Gruppen strikt voneinander getrennt, andererseits habe ich immer wieder Araber auf israelischer Seite gesehen. Freilich unter den wachsamen Augen der Uniformierten.  Die Kontrollen waren an den Checkpoints für uns westliche Besucher überaus lax. Auch heute blieb der Reisepass in der Tasche. Hinter dem Kontrollpunkt marschierten wir durch die so genannte Geisterstadt. Palästinenser mussten hier ihre zahlreichen Ladenlokale schließen. Die Straßen waren wie ausgestorben.

Mittagessen privat bei einer palästinensischen Familie in Hebron

Mittagessen privat bei einer palästinensischen Familie in Hebron

Dort waren wir dann auch zu Gast bei einer palästinensischen Familie, die uns für 30 Schekel pro Kopf recht schmackhaft zu Mittag beköstigte. Interessant hier der Blick hinter die Kulisse: die Mama des Hauses war die unangefochtene Gastgeberin und saß mit uns am Tisch. Höflich und natürlich verhüllt. Ihre hübschen Töchter aber spazierten im Hintergrund und auch zwischen uns Gästen ohne Kopftuch im Bademantel umher. Ich hab so viel gelernt heute! Lina verabschiedete sich dann von unserer Gruppe. Trotz ihrer lächerlichen Propaganda-Show habe ich ihr versprochen, ihr per Mail meine Fotos zu schicken. Das werde ich auch tun. Adam tauchte wieder auf und so begann die Tour durch den jüdischen Teil am Nachmittag. Und die war mit unseren vormittäglichen Erlebnissen nicht zu vergleichen. In einer Art Gemeindezentrum (Beit Hadassah) brachte uns zunächst Adam die Geschichte Hebrons und der jüdischen Bevölkerung nahe. Das kam viel echter rüber als alles, was uns die arme Lina versuchte unterzujubeln. Später kam der Sprecher der jüdischen Community – David Wilder – dazu und stellte sich den Fragen. Mir imponierte der Mann, der so eine Art Vater Abraham mit Kippa und Glock an der Hüfte war. Man merkte ihm an, dass er oft verbal angegangen wird und er sich argumentativ für die Anwesenheit einer jüdischen Gemeinde in Hebron rechtfertigen muss. Eine pro-palästinensische Amerikanerin stellte seine Nerven auch an jenem Nachmittag enorm auf die Probe. Dennoch hat er mich sehr stark beeindruckt. Ein Charismatiker. Um es mal so zusammenzufassen: Lina erwähnte Baruch Goldstein und verlor kein Wort über das Massaker an den Juden 1929, unsere israelischen Gesprächspartner erwähnten das Massaker ausführlich und ließen dafür Goldstein unerwähnt. So ist das nun mal. Danach ging es eine Unmengen an Stufen eine Treppe rauf auf einen Hügel. Dort leben einige jüdische „Siedler“. Darunter auch eine Frau, die einen wirklich eindrucksvollen Vortrag hielt. Ihr Vater – Rabbi Shlomo Ra’anan – lebte auch dort oben und wurde 1998 von einem Araber in seiner Wohnung erstochen. Der Täter wurde gefasst, ist aber wieder auf freiem Fuß, da er zusammen mit rund 1.000 anderen palästinensischen Terroristen gegen Gilad Shalit ausgetauscht wurde. Eine echte Tragödie und die Art und Weise, wie sie es erklärte, ließ einen stark grübelnd zurück. Nicht zuletzt auch wegen ihrer versöhnlichen Art. Ob sie sich vorstellen könnte, in Frieden mit den Palästinensern Tür an Tür zu leben. Natürlich, gab sie zur Antwort. Wenn diese den Frieden wollen und aufhören würden, die Juden zu hassen. Damit war alles gesagt. Überhaupt war ich heute vergeblich auf der Suche nach den 1.000 militanten jüdischen „Siedlern“ in Hebron, die die deutschen Medien so gern als Teufel mit Kippa heraufbeschwören.

David Wilder ist Sprecher der jüdischen Community in Hebron

David Wilder ist Sprecher der jüdischen Community in Hebron

Begegnungen im jüdischen Teil Hebrons

Begegnungen im jüdischen Teil Hebrons

Auf dem Dach eines israelischen Wohnhauses bekamen wir noch einen tollen Blick über die ganze Stadt geboten, bis es zurück zur Höhle der Patriarchen ging. Das alles übrigens bei außerordentlich knackigen Temperaturen und der judäischen Sonne, die gewohnt fleißig ballerte. Unterwegs gingen mir noch einige dieser palästinensischen Nervensägen auf den Senkel, die einem irgendeinen Tand für 5 Schekel andrehen wollten („…was done by hand of woman…“). Ignorieren und durch solche Zeitgenossen durchschauen kann ich inzwischen ja ganz gut. Nervig nur, da manche meinen einen anpacken zu müssen. Wir kamen an einer Reihe von verwaisten jüdischen Ladenlokalen vorbei, deren Interieur kurz und klein geschlagen wurde. Das war die israelische Polizei, die auf Befehl der Regierung gehandelt hat, da sich die jüdische Gemeinde in Hebron seinerzeit (2008 glaub ich) räumlich unerlaubt ausgebreitet hat. Israel macht hier einen derartigen Spagat, wie man es sich kaum vorstellen kann. Zurück in der Höhle der Patriarchen besuchten wir die jüdische Seite, bis es zurück zur Haltestelle und letztlich nach Jerusalem ging. Fazit: Meine ohnehin schon vorhandene Meinung wurde hier in vielen Punkten bestätigt. Zwar stand ich vor dem Besuch auf dem Standpunkt, dass sich Israel in Hebron keinen Gefallen tun würde. Das mag vielleicht auch noch immer so sein. Doch die Menschen dort zu erleben und ihre Geschichten, ihren Antrieb, ihre Leidenschaft selbst zu hören, ist etwas anderes. Ich bleib dabei. Für einen Tango braucht man immer zwei Personen. Es liegt nicht allein an Israel, dieses endlose Theater dort zu beenden. Denn heute haben mir vor allem die Palästinenser ganz deutlich gezeigt, wie sehr sie ihre Opferrolle spielen, wie unversöhnlich sie sind, wie wenig Kompromisse sie einzugehen vermögen und wie stark sie dazu neigen, Realitäten so zu biegen, bis sie in ihren Kram passen. Es mag durchaus sein, dass das Leben vieler Araber in Hebron nicht einfach ist. Auch durch die von den Israelis durchgesetzten Beschränkungen. Aber aus meiner Sicht ist die Tragödie der Palästinenser nicht nur eine rein israelische Angelegenheit. Es liegt an den palästinensischen Führern, die nicht in der Lage und wohl auch nicht Willens sind, auf die Israelis zuzugehen. Auch in Hebron nicht. Aber die Hoffnung darf man nicht verlieren.

© Fotos und Text Bastian Glumm – Alle Rechte vorbehalten

Eine Antwort to “Hebron, 9. Oktober 2013”

  1. Claudia Sperlich Says:

    Dank für diesen Artikel!
    Israel hat schon so viele versöhnliche Schritte unternommen, jetzt wäre wirklich mal Palästina dran.

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