Mit Kratzern und Beulen durch die Wüste

Zu Fuß ist es vom Abraham Hostel zur King David Street in Jerusalem nicht wirklich weit. Einfach die Jaffa runterspazieren und irgendwann rechts halten. Das Mamilla Hotel lässt man hinten links liegen und geht dann wieder ein Stückchen bergauf. Und dort befindet sich auch schon die Zweigstelle der Hertz-Autovermietung, bei der wir im Oktober unser Auto abgeholt haben. Bereits bei der Buchung über den ADAC habe ich strengstens darauf geachtet, dass man uns doch bitte nicht die billigste und somit kleinste Nussschale geben möge. Klein war das Auto auch nicht, das wir dann bekommen haben. Billig? Schwer zu sagen, denn selten habe ich einen derartig lädierten Wagen gesehen, wie unseren Mitsubishi Lancer mit seinen knackigen 90.000 Kilometern auf dem Buckel.

Die Kiste war dermaßen mit Kratzern und Beulen übersäht, dass ich mir die obligatorischen Sicherheitsfotos mit dem Handy gespart habe. Sinnlos. So sah dann auch der Ausdruck mit den Blessuren des Autos für die Rückgabe aus. Alles voller Kreuze. Trotzdem war ich keineswegs enttäuscht, denn sonst machte dieser Mitsubishi einen durchweg fitten Eindruck. Ich saß seit rund 15 Jahren nicht mehr hinter dem Steuer eines Automatik-Wagens. Und doch hatte ich die Sache innerhalb von fünf Minuten wieder intus. Das Treten der imaginären Kupplung kam zwar vor. Aber allerhöchstens zweimal. Ein Navigationsgerät habe ich lieber mal direkt mit bestellt, da ich dem Jerusalemer Verkehrsgewusel nicht wirklich getraut habe. Wir bekamen ein i-Pad mit Navi-Programm in die Hand gedrückt. Mein Respekt vor dem Verkehr, den ich bis dahin ja nur als Fußgänger bzw. als Busfahrer in Israel erlebt habe, war auch mit ein Grund, warum wir am ersten Tag im Auto zum Toten Meer gefahren sind. Da ist ja schön viel Platz, fantasierte ich. Dass diese Sorge vollkommen unbegründet war, habe ich bereits am ersten Tag auf Israels Straßen erleben dürfen.

Unser Mitsubishi Lancer. Zerkratzt und zerbeult. Und doch irgendwie ein echtes Schmuckstück!

Unser Mitsubishi Lancer. Zerkratzt und zerbeult. Und doch irgendwie ein echtes Schmuckstück!

Trotz Navi hatten wir kleinere Schwierigkeiten, auf dem direkten Weg aus Jerusalem herauszukommen. Zweimal landete ich auf der falschen Abbiegespur und wir mussten Umwege und einige Schlenker fahren. Aber das war es dann auch schon. Wir fanden den Weg in Richtung Jericho dann doch noch und waren binnen einer Viertelstunde aus Jerusalem raus. Wer die Straße von Jerusalem nach Jericho kennt, der weiß genau, dass es ordentlich bergab geht. Die Grünflächen und Bäume weichen recht abrupt der faszinierenden Einöde der Judäischen Wüste. Jerusalem ist bis zu 800 Meter hoch. Auf halbem Weg nach Jericho befindet sich auf der rechten Seite eine kleine Raststätte mit Aussichtspunkt auf Höhe des Meeresspiegels. Dort habe ich angehalten, um mir die Lackschäden des Wagens mal genauer anzuschauen. Minztee und Kaltgetränke verkauft ein freundlicher Beduine in seiner Imbissbude. Wie in den Jahren zuvor stand an diesem Platz auch noch immer einer seiner Kollegen mit einem Kamel. Ich frage mich, ob es genau dasselbe war oder ob man in der Zwischenzeit die Tierchen mal ausgetauscht hat. Die gleiche Frage stelle ich mir übrigens oben auf dem Ölberg auch immer wieder, wo ein Kamel die zentnerschweren US-Amerikanerinnen im Kreis herumtragen muss. Kein Genuss fürs Auge.

Ein Genuss fürs Auge ist der Weg nach Jericho. Noch viel mehr aber, sobald man rechts abgebogen ist und in Richtung Süden entlang des Toten Meeres fährt. Dort entfaltet die faszinierende Wüstenlandschaft ihre ganze Pracht. Ich bin jedes mal begeistert, sobald am Horizont das Tote Meer auftaucht. Meist begleitet von einem zarten Dunstschleier auf der Wasseroberfläche. Kommt man näher, dann sieht man auf der anderen Seite das jordanische Ufer. Rechts der Straße Wüste pur. Raue Bergformationen in sandig-braunen Farbtönen. Dazwischen immer wieder künstlich angelegte Palmenhaine. Bei all der Reizüberflutung sollte man aber stets die Augen auf der Straße lassen. Ein Steinbock tauchte mitten auf dem Asphalt auf, blieb stehen und schaute uns kurz an. Ich ging in die Eisen. Das majestätische Tier zog weiter und verschwand auf der anderen Straßenseite in einer Felsformation. Sophie verzog irgendwann ihr Gesicht, aber ich hab so viel Spaß gehabt, als ich jordanische Radiosender aufgedreht habe. Der Fahrer bestimmt den Sender! Vorbei an Ein Gedi kamen wir Masada langsam näher. Schon Kilometer vorher ist das Hochplateau unverkennbar auf der rechten Seite zu sehen. Einmal noch rechts abbiegen und schon erreicht man den kleinen Checkpoint vor der Auffahrt zur Festung. Ein Sicherheitsmann lächelte mich an und meinte, dass ich ja arabische Musik hören und ob mir die denn wirklich gefallen würde. Ich konnte nur entgegnen, dass dem tatsächlich so ist. Zumindest in dem Moment. Zu überhören war es ohnehin nicht. Nur gut, dass er die arme Sophie nicht gefragt hat. Mitten in der Wüste haben die Israelis ihr Masada hochmodern ausgebaut. Ich habe beispielsweise nicht erwartet, dass sich unter dem Besucherzentrum eine zweistöckige Tiefgarage verstecken würde. Derartige Dinge sieht man halt nicht, wenn man mit dem Bus anreist.

Eine Fahrt durch die Judäische Wüste ist ein Erlebnis. An Fotomotiven mangelt es ohnehin nicht

Eine Fahrt durch die Judäische Wüste ist ein Erlebnis. An Fotomotiven mangelt es ohnehin nicht

Dort parkten wir schließlich kostenfrei ab. Mit der Seilbahn ging es wieder nach oben. Masada ist immer wieder aufs Neue eine hochinteressante und ergreifende Erfahrung für mich. Was ist dort geschehen? 73 nach Christus haben sich im Zuge der Judäischen Kriege auf dem Tafelberg, der rund 100 Jahre vorher von Herodes zur Festung ausgebaut wurde, knapp 1.000 Menschen verschanzt, darunter zahlreiche Frauen und Kinder. Die römische X. Legion unter General Flavius Silva und tausende Hilfstruppen belagerten Masada, konnten es aber zunächst nicht einnehmen. Rund um das Plateau errichteten die Legionäre eine mehrere Kilometer lange Belagerungsmauer und zahlreiche Kastelle. Niemand sollte entkommen. Schaut man heute von oben auf die ehemaligen Stellungen der Römer, dann sind die Reste der Belagerungsbauten nicht zu übersehen. Auch die eindrucksvolle Belagerungsrampe, die die Römer ihre jüdischen Sklaven haben bauen lassen, erstreckt sich noch heute hinauf zum Rand der Festung. Auf dieser schoben die Belagerer schließlich schweres Gerät nach oben – ein Belagerungsturm soll zum Einsatz gekommen sein – und bereiteten sich auf den finalen Sturmangriff vor. Als die jüdischen Krieger sahen, dass ein weiterer Kampf für sie nun aussichtslos wurde, bestimmten sie per Los zehn Mitstreiter, die alle in der Festung verbliebenen Menschen töten sollten, damit niemand in die Sklaverei gehen musste. Die zehn Henker richteten sich zuletzt selbst und gegenseitig. Als die Römer schließlich das Plateau betraten, fanden sie keinen Widerstand mehr vor. Sondern nur Leichen und Tod. Fünf Menschen sollen überlebt haben. Das alles berichtet der römisch-jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus in seinem Werk „De bello Iudaico“.

An der Ostseite Masadas windet sich der Schlangenpfad nach unten. Dieser wurde schon vor 2.000 Jahren genutzt

An der Ostseite Masadas windet sich der Schlangenpfad nach unten. Dieser wurde schon vor 2.000 Jahren genutzt

In seinem Kapitel zu Masada schreibt Josephus auch über den Schlangenpfad, der sich an der Ostseite der Festung nach unten windet. Dieser wird heute noch genutzt, freilich inzwischen gut gesichert und ausgebaut. Sophie spazierte den Pfad wieder hinab, während ich die Fahrt mit der Seilbahn vorzog. Auf der Rückfahrt machten wir in Ein Gedi eine Pause und planschten ein wenig im Toten Meer. Das hat sich in den vergangenen Jahren derartig zurückgezogen, dass man steile Pfade nach unten balancieren muss, um überhaupt zum Wasser zu kommen. Trotzdem ist eine Badestunde ein absolutes Muss. Immer wieder erstaunlich zu sehen, dass manche Leute mit dem Wasser nicht so recht klarkommen. Dabei ist es weniger der extrem hohe Salzgehalt, der zu schaffen macht. Sondern der seltsame Umstand, dass man nicht zu schwimmen braucht. Darauf weisen auch die Bademeister immer wieder hin. Bitte nicht schwimmen und nicht planschen, sondern einfach relaxen und sich tragen lassen. Einige geraten da in Panik und vertrauen dem Meer nicht und fangen dann an zu rudern und wundern sich dabei, dass ihre Schwimmbemühungen zu keinerlei Bewegung führen. Schluckt man einen Mundvoll des Salzwassers, kann das zum Tod führen. Und nur deshalb sind die Lifeguards so aufmerksam. Untergehen ist unmöglich. Auf dem Rückweg nach Jerusalem haben wir uns noch schnell die Abfahrt zum St. Georgskloster gemerkt, das wir einige Tage später besuchen wollten. Von Ein Gedi nach Jerusalem ist man ungefähr eine Stunde und 20 Minuten unterwegs, wenn man in den Jerusalemer Feierabendverkehr kommt. Auch zwei Checkpoints muss man passieren, wir wurden jedoch nie kontrolliert.

Ähnlich wie das Kloster der Versuchungen bei Jericho, schmiegt sich auch das St. Georgskloster in einem Wadi an die Bergwand

Ähnlich wie das Kloster der Versuchungen bei Jericho, schmiegt sich auch das St. Georgskloster in einem Wadi an die Bergwand

Die Israelis können nicht so gut Auto fahren. Zumindest nicht so wie die Europäer. Noch viel schlechter auf den Straßen sind die Araber. Das klingt jetzt arrogant, ist aber keineswegs so gemeint. Der Trubel in Israels Städten täuscht. Alle sind mit Automatik unterwegs, auf den Autobahnen ist 110 das höchste der Gefühle. Schon nach einem Tag war ich mir sicher, dass ein Jerusalemer im Berliner Straßenverkehr eher Probleme bekommen würde als umgekehrt. Erst recht auf deutschen Autobahnen. Alle meine Sorgen waren also vollkommen unbegründet. Deshalb ging die Fahrt zum St. Georgskloster sehr einfach vonstatten. Allerdings muss man ein wenig nach dem Gotteshaus suchen, wenn man die beschilderte Abfahrt genommen hat. Es gibt nämlich vorher noch zwei Aussichtspunkte mit Parkplätzen, bevor man zum eigentlichen Kloster kommt. Ein Stopp lohnt an allen Punkten, denn die Aussicht auf das romantisch-wilde Wadi ist ein Traum. Nerven sollte man dennoch haben, denn Beduinen bedrängen einen und lassen nicht locker mit dem Versuch, ihren Tand loszuwerden. Daran gewöhnt man sich aber. Während Sophie, sportlich wie immer, den letzten Weg runter zum Kloster per pedes nahm (und später auch wieder rauf), machte ich es mir oben in der rund 40 Grad kühlen Sonne ein wenig gemütlich und beobachtete die Szenerie. Sobald ein Fahrzeug am Horizont erschien, sprangen die beduinischen Händler wie von der Tarantel gestochen auf. Kommt der Wagen näher, bildet sich eine Traube von 15 Mann ums Auto. Steigen die Leute aus, werden ihnen Ketten umgehängt, Hütchen aufgesetzt und der ganze andere lästige Kram halt. Westeuropäer sind meist höfliche Menschen und gehen so auch mit derartig aggressiven Händlern um. Hat man einen Grad an Ignoranz erreicht, dann zeigt man einfach seine kalte Schulter und die lassen einen flott in Ruhe.

Zahlreiche Höhlen finden sich rund um Qumran. In einer wurden die berühmten Schriftrollen vom Toten Meer gefunden

Zahlreiche Höhlen finden sich rund um Qumran. Hier wurden die berühmten Schriftrollen vom Toten Meer gefunden

Vom Georgskloster fuhren wir weiter nach Qumran. Das ist genau die gleiche Strecke, die wir einige Tage zuvor nach Masada genommen hatten. Nur dass wir nicht so weit fahren mussten. In Qumran befinden sich Ausgrabungen einer antiken Siedlung. Hier haben die Essener in einem Dorf gelebt. Archäologen sind davon überzeugt, dass auch die Schriftrollen vom Toten Meer zumindest teilweise den Federn der Essener entstammen. Die Ausgrabungen waren nicht uninteressant, doch viel mehr gefiel mir die Landschaft mit ihren Höhlen, Schluchten und Klippen. Wirklich großartig. Sophie machte sich an den Versuch, zu einer der Höhlen hochzuklettern. „Ich warte dann hier solange“, waren an jenem Tag meine Zauberworte. Langweilig wurde es mir nie, die Sonne, die Luft und die Aussicht zu genießen waren eine pure Freude. Lebend wäre ich da oben eh niemals angekommen. Immerhin schaffte Sophie die halbe Strecke hoch zur Höhle, während ich sie von unten nur noch als Punkt im Gebirge erkennen konnte. Unverletzt kam sie zurück und wir spazierten zurück zum Auto, um einige Kilometer weiter südlich in Einot Tzukim die dortige Oase zu besuchen. Sowohl Masada, Qumran als auch Einot Tzukim gelten als Nationalparks. Man kann Kombitickets kaufen, die in der Regel etwas preiswerter ausfallen. Auch mit Stundentenausweisen gibt es Ermäßigungen. In Einot Tzukim gibt es eine Süßwasserquelle. Dort sprudelt ein Bach mit Fischen und Teichen. Viel Schilf und zahlreiche Bäume mit einladenden Grünflächen in Sichtweite zum Toten Meer. Ein unglaublicher Kontrast mitten in der Wüste. Diese Oase ist übrigens ein klassisches Naherholungsgebiet. Mehrere Süßwasserbecken laden zum Baden ein. Auf Liegeflächen dürfen sich Besucher in der Sonne aalen. Als wir Einot Tzukim eine Visite abstatteten, war auf dem weitläufigen Gelände eher wenig los. Ein paar Israelis waren dort ebenso im Wasser, wie ein Becken weiter einige Palästinenser. Geht doch!

Unmengen an Süßwasser gibt es in der Oase Einot Tzukim. Und es darf auch gebadet werden

Unmengen an Süßwasser gibt es in der Oase Einot Tzukim. Und es darf auch gebadet werden

Zurück in Richtung Norden haben wir dem Toten Meer noch einmal einen kleinen Planschbesuch abgestattet. Wir machten Halt in Kalya Beach an einem „Strand“, der ein paar Schekel Eintritt kostet. Dort zeigt es sich noch sehr viel drastischer, dass sich das Tote Meer pro Jahr einen ganzen Meter zurückzieht. Aber es gibt dort ein nettes Schlammloch, in dem man sich suhlen darf. Dann wartet man, bis die judäische Sonne ihre trocknende Wirkung entfalten kann und duscht den Modder schließlich ab. Das soll gut für die Haut sein. In Kalya war die Hölle los, es war brechend voll. Ein babylonisches Stimmgewirr bestehend aus Ivrit, Deutsch, Englisch, Russisch, Italienisch und US-Englisch. Immerhin findet man in Kalya die weltweit tiefste Strandbar mit über 400 Metern unter dem Meeresspiegel. Ein Gedi dagegen ist kostenfrei und aus meiner subjektiven Sicht nicht ganz so überlaufen und auch nicht so laut. Vielleicht muss man auch einfach Glück haben, wann man zu welcher Zeit wo ist. Übrigens: Duschen mit Süßwasser stehen an beiden Stränden bereit. Doch braucht man nicht zu glauben, dass man die hartnäckige Salzschicht, die sich auf der Haut bildet, mal kurz mit einer Brause nach dem Bad loswird. Ist man zurück im Hotel, sollte man sich noch mal in aller Ruhe unter die eigene Dusche stellen. Das ist um einiges gründlicher.

In Qumran haben die Essener gesiedelt. Heute dürfen dort Augrabungstätten besucht werden

In Qumran haben die Essener gesiedelt. Heute dürfen dort Augrabungsstätten besucht werden

© Fotos und Text Bastian Glumm – Alle Rechte vorbehalten

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