Die Feder ist einfach mächtiger! -Teil 1-

Es sind jetzt auf den Tag genau fast 20 Jahre vergangen, seit ich an jenem Dezembertag im Jahr 1993 die Paracelsus-Kaserne in Hamm verlassen habe. Damals holte mich mein Herr Papa aus dem westfälischen Standort ab und fuhr mich quer durch Nordrhein-Westfalen zu meiner neuen Kaserne nach Düren im Rheinland. Das liegt ungefähr in der Mitte zwischen Köln und Aachen. Ich war 17 und hatte keinen Führerschein. Seit drei Monaten war ich freiwillig bei der Bundeswehr. Ich hatte meine Grundausbildung im Sanitätsbataillon 7 in Hamm hinter mir. Zwölf Wochen infanteristische Ausbildung und unzählige Lehrstunden in Erster Hilfe, Kriegsmedizin und Anatomie. Vor mir lagen nun mehr als dreieinhalb Jahre Dienst in der Bundeswehr. Um es direkt zu sagen: Dieses Jubiläum ist nur ein Grund, warum ich mich in letzter Zeit mal wieder gedanklich etwas intensiver mit meiner Bundeswehrzeit beschäftigt habe.

Natürlich war es auch diese Personalie im Bundesverteidigungsministerium, die mich an meine Zeit in Uniform zurückdenken ließ. Ursula von der Leyen als Chefin der Truppe. Man darf sich natürlich darüber streiten, ob die Frau es drauf hat. Oder eben nicht. Für mich ist ihre Berufung ins Verteidigungsministerium ein Spiegelbild des Zustandes der Truppe und dieses Landes ansich. Dazu lasse ich mich an anderer Stelle noch mal ausführlicher aus. Zwar könnte ich auch damit ganze Bänder füllen, doch werde ich das erste Jahr meiner Zugehörigkeit zur Truppe hier nur in Zeitraffer absolvieren. Nach der Grundausbildung, die sehr viel härter war, als mancher es sich für ein Sanitätsbataillon vorstellen würde, meldete ich mich in Düren beim Jägerbataillon 533 und wurde im dortigen Sanitätsbereich eingesetzt. Dort war ich zunächst nur kurz, denn jetzt folgte eine Kommandierung der nächsten. Los ging es also in Aachen, wo ich in einem mehrmonatigen Lehrgang zum Kraftfahrer ausgebildet wurde. Ich bekam den Führerschein geschenkt.

Danach ging es für anderthalb Monate zurück nach Hamm. Der Sanitätslehrgang II stand hier als Vorbereitung zum Unteroffizier auf dem Programm. Denn zwischenzeitlich wieder kurz in Düren wurde ich zum Gefreiten befördert und bekam auch noch den Querbalken auf die Schulter. Damit war ich als Unteroffizieranwärter erkennbar. Sechs Wochen Praktikum in einem Krankenhaus in Düren folgte dann schließlich der Sanitätslehrgang III in München. Zehn Wochen wurde ich dort zum Unteroffizier ausgebildet. Die ganzen Lehrgänge waren wirklich nicht anspruchsvoll oder anstrengend. Vor allem in München haben wir es uns in den Sommermonaten schön in den Biergärten gemacht. Die Prüfungen hatten eher Kindergartenniveau. Das war auch besser so, wenn ich an so manchen Gehirnakrobaten denke, der damals mit mir in einem Lehrgang war und diesen auch noch bestand. So richtig ernst wurde es erst danach, als ich zurück nach Düren kam und dort zum Unteroffizier befördert wurde. Jetzt hatte ich auf einmal Verantwortung mit meinen 18 Jahren und musste Soldaten befehligen. Das kalte Wasser, in das ich in diesem reinen Kampfbataillon in Düren geschubst wurde, hätte nicht eisiger sein können. Vor allem der Psychokrieg im Büro, den man gegen seine Sani-Kameraden, den jeweiligen Truppenarzt und natürlich so manchen Jäger (vor allem in Feldwebel- und Offiziersrang) auszufechten hatte, ging massiv an die Substanz. Da waren die Übungen mit den Kampfkompanien des JgBtl 533 fast schon erholsam.

Wie kann man sich das Jägerbataillon vorstellen? Beheimatet war es damals in der Panzerkaserne in Düren. Eine alte Wehrmachtskaserne, die genau diese eher abstoßende Atmosphäre ausstrahlte. Später habe ich oft gesagt, dass das JgBtl 533 so eine ungesunde Mischung aus Waffen-SS und Pfadfindertruppe war. Heute sehe ich das nicht wirklich anders. Wer den Umgangston der Ausbilder miterlebt hat, mit dem die Rekruten in den Kompanien empfangen und zur Grundausbildung gescheucht wurden und wer auch mitbekommen hat, wie die Soldaten sich mitunter gegenseitig behandelten, der weiß genau, was ich damit meine. Mancher Unteroffizier des Bataillons war wirklich so strunzdoof und gleichzeitig aggressiv, dass man sich schon fremdschämen musste. Und diesen Leuten wurden dann junge Menschen zur Ausbildung anvertraut. Ich habe in Düren wirklich großartige Soldaten kennengelernt. Super Kameraden, die ihre Aufgabe ernst genommen haben, sich ihrer Verantwortung bewusst und charakterlich sauber waren. Ich habe in Düren die größten Schweine erlebt, die mit hassverzerrten Fratzen Soldaten quälten und meinten, das Richtige zu tun. Später, als ich Stabsunteroffizier war, konnte ich vor allem diese Typen öfters erfolgreich abwehren. Gerade diese Schwachköpfe machten gerne Fehler in ihrem dummdreisten Größenwahn.

Die Panzerkaserne in Düren 2012. Rechts die Wache, geradeaus das ehemalige Hörsaalgebäude. Die Kompaniegebäude wurden abgerissen. Heute werden dort Leihwagen aufbereitet

Die Panzerkaserne in Düren 2012. Rechts die Wache, geradeaus das ehemalige Hörsaalgebäude. Die Kompaniegebäude wurden abgerissen. Heute werden dort Leihwagen aufbereitet

Meine ersten Erfahrungen als Sanitätstruppführer machte ich damals mit der 6. Kompanie des Bataillons. Das war die schwere Kompanie, die mit Feldkanonen, dem MILAN-Panzerabwehrsystem und schweren Mörsern ausgestattet war. Diese Einheit begleitete ich öfters im Rahmen der Grundausbildung und lernte so die Truppe ganz gut kennen. In meiner Erinnerung war die 6./JgBtl 533 recht gut geführt. In der Nähe von Euskirchen verlegte die Kompanie in eine verlassene Nike-Stellung. Eine Woche lang übte man dort Krieg. Ich war mit einem Obergefreiten und einem KrKW-Unimog dabei und pendelte immer zur Kaserne nach Euskirchen, um dort kranke Soldaten abzuladen und mir in der Toilette der dortigen Unteroffizierskantine die Zähne zu putzen. Jeden Morgen drehte ich vorher mit dem Krankenwagen meine Runde in der alten Anlage. Ich besuchte jeden der drei Züge in den Stellungen und die Krankenstunde begann. Lange Schlangen am Seiteneingang des Fahrzeugs. Entweder es gab Aspirin und ein Pflaster. Oder wir mussten einen der Jungs zum Doktor bringen. Immer wieder versuchten mich Gruppenführer zu überreden, den einen oder anderen Soldaten nicht mitzunehmen. Der würde ja nur simulieren. Das nervte mich außerordentlich, da so etwas auch in den anderen Kompanien vorkam. Diese Typen, die meist den gleichen Dienstgrad wie ich hatten, haben in ihrer Beschränktheit nie verstanden, dass es mich meinen Kopf gekostet hätte, wenn ich dem Soldaten eine Behandlung auf Simulanten-Verdacht hin verweigert hätte und er wäre am Ende tatsächlich krank gewesen. Davon abgesehen gab es selbstverständlich unzählige Simulanten, die auf den Unsinn einfach keinen Bock hatten. Ich war mir dessen sehr wohl bewusst.

Der Krankenstand war ohnehin ein Problem im JgBtl 533 zu meiner Zeit. Als Unteroffizier im Geschäftszimmer des SanBereichs habe ich jeden Morgen die Kompanien abtelefoniert und mir die Krankmeldungen durchgeben lassen. Es gab Tage, an denen sich mehr als 200 Soldaten bei uns im kleinen Sanitätsbereich gemeldet haben. Zu jener Zeit hatte das Bataillon etwa 1.300 Soldaten unter Waffen. Schuld waren aber angeblich immer die verweichlichten Soldaten (Grundwehrdienstleistende), die in den Augen mancher Unteroffiziere, Feldwebel und Offiziere nicht den hohen Anforderungen des glorreichen Bataillons gewachsen waren. Dass die Art des Umgangs, der Ausbildung, des Dienstalltags in Düren daran vielleicht eine Mitschuld tragen könnten, kam jenen Herren damals nicht in den Sinn. Heute frage ich mich bei so manchen dieser Typen, was die wohl danach im Anschluss im Zivilleben gemacht haben. Es kann nun wirklich nichts Hochtrabendes gewesen sein. Zur Selbstreflexion reichte es bei vielen zumindest nicht.

Glücklicherweise gab es natürlich auch andere Soldaten in diesem Bataillon. Einige gute Leute hatte die 2. Kompanie, mit der ich mehrmals im Hürtgenwald unterwegs war. Aber auch nur einige. Während die Jäger dort durchs Unterholz robbten, langweilte ich mich in meinem Krankenwagen. Das war vor allem einigen Feldwebeln und auch Offizieren ein Dorn im Auge, die mich deshalb immer wieder in ihre Ränkespielchen einflechten wollten. Ein Hauptfeldwebel befahl mir morgens um 4 Uhr einer „abgeschnittenen“ Gruppe der Kompanie das Frühstück zu bringen. Reine Schikane und wahrhaftig nun nicht meine Aufgabe als Sanitätsbegleitung der Kompanie. Die Gruppe war dermaßen gut getarnt, dass ich fast über sie gefallen wäre. Großartig. Bis heute frage ich mich, woher der Gefechtslärm kam, der da tief in der Nacht durch den Hürtgenwald schallte. Ich hatte immer den Verdacht, dass dazu eigens Lautsprecher aufgestellt wurden, damit das „Feeling“ ein wenig authentischer war. Ich hätte denen wirklich alles zugetraut. In der 2. Kompanie wurde mir auch bei jedem Aufenthalt im Wald befohlen das Rote Kreuz des Krankenwagens abzutarnen. Dass das verboten war, brauche ich niemandem zu erklären. Außerdem wollte der Chef immer wieder, dass ich die Beatmungspuppe mit ins Gelände bringen sollte. So dass man Herz-Lungen-Wiederbelebung unter Gefechtsbedingungen üben könne. Und den Schminkkoffer auch noch. Damit man realitätsnahe Verletzungen modellieren kann. Kein Witz. Reinstes Irrenhaus!

Der Fuhrpark des SanBereichs 31/7 in Düren. Neben den KrKW (g und HÜ) hatten wir noch einen Fünftonner mit Container, einen Funk-Bulli und einen VW-Iltis

Der Fuhrpark des SanBereichs 31/7 in Düren. Neben den KrKW (g und HÜ) hatten wir noch einen Fünftonner mit Container, einen Funk-Bulli und einen VW-Iltis

Erstens hatten wir keinen Schminkkoffer und zweitens hätte der Truppenarzt sowieso verboten, solch einen sensiblen Gegenstand wie eine Beatmungspuppe mit in den Wald zu nehmen. Die Krönung war dann jener Tag im Hürtgenwald, als man mich an eine Kompanie des Siegburger Wachbataillons auslieh, die zeitgleich ebenfalls da rumwuselten. Es wurde „Jägerkompanie im Angriff“ gespielt. Hätte ich danach Beschwerden geschrieben, dann hätte das dem ein oder anderen Kopf und Kragen kosten können. Warum? Ganz einfach: Ich war als Sanitätsbegleitung und Sanitätstruppführer zur 2. Kompanie kommandiert. In dem Moment, in dem ich den KrKW verließ, den Stahlhelm aufsetzte und gemeinsam mit den Jägern des Wachbataillons Krieg spielte, war die 2. Kompanie ohne Sanitätsbegleitung. Ich war auf einmal Übungsteilnehmer in einer fremden Einheit, während mein Obergefreiter Kilometer von mir entfernt alleine mit dem Krankenwagen über Waldwege rumkurvte. Auch die Drohung eines Offiziers – nachdem ich Protest einlegte – habe ich noch in den Ohren: „Sie können froh sein, dass ich Ihnen kein G3 in die Hand drücke“. Er kann froh sein, dass ich keine Beschwerde geschrieben habe. Das nur am Rande.

Wenn bei der Bundeswehr eines tadellos funktionierte, dann war es das Beschwerdewesen. Ich habe während meiner Zeit dort zwar nie eine Beschwerde geschrieben, aber ich habe gerne schriftlich mal gepetzt. Wie im Sommer 1995, als die Zustände und der Druck im SanBereich 31/7 dermaßen unerträglich wurden, dass ich mich genötigt sah, mich an den Divisionsarzt in Form einer schriftlichen Meldung zu wenden. Inklusive Verteiler. Das löste vor allem im Bataillon echte Nervosität aus. Jetzt konnte man es nicht mehr intern regeln. Einige Wochen später standen ein Oberfeldarzt und ein Stabsfeldwebel der Division aus Düsseldorf bei uns in Düren auf der Matte, um vor allem unseren damaligen Oberstabsarzt mal ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Das war auch bitter nötig, benahm sich dieser Mann wie die Axt im Walde. Nicht nur mir gegenüber. Der Stabsfeldwebel lud mich mittags zum Essen ein, um mit mir ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern. Danach wurden alle Sanitäts-Unteroffiziere einzeln befragt und mit meiner Meldung konfrontiert. Ein Traum! Die Zeit davor hat mich zwar echt Nerven gekostet und bestimmt auch das eine oder andere Magengeschwür verursacht. Aber diesen Tag werde ich nicht vergessen, als die beiden Heinis der Division meinen unmittelbaren Vorgesetzten ordentlich die Flügelchen gestutzt haben. Danach hat sich kaum einer mehr so recht an mich rangetraut. Erwähnenswert sei noch die Stellungnahme eines Stabsunteroffiziers, der seinerzeit den SanBereich kommissarisch führte. Als ich die in die Finger bekam, konnte ich erleichtert aufatmen. Ein vor Rechtschreibfehlern nur so wimmelndes und vollkommen infantiles Gestammel. Die Feder ist mächtiger als das Schwert! Diese Lektion habe ich damals in der Kaserne des Jägerbataillons 533 gelernt und bis heute verinnerlicht.

Übungen gab es wirklich genug zur damaligen Zeit. Ein echtes Highlight war die Divisionsrahmenübung „Springendes Roß“. Die ganze 7. Panzerdivision spielte dann Krieg. Ein großes Unternehmen mit Tausenden Soldaten und Fahrzeugen. Wir verlegten damals nach Wesel in unmittelbare Nähe einer Rheinbrücke. Ich war mit meinem Gefreiten der 3. Kompanie zugeteilt, die alles in allem recht pflegeleicht war. Da waren Schikanen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für den Sani eher die Seltenheit. Zum Spieß und zum Geschäftszimmer der 3. hatte ich stets einen sehr guten Draht. Auch mit dem Chef kam ich klar. Während dieser Übung übernahm die 3. jedoch ein Oberleutnant der Reserve. Ein ausgewachsener Spinner, mit dem ich im Verlauf des Manövers zweimal ordentlich aneinander rasselte. Von Düren nach Wesel ist man eine ganze Weile unterwegs. Erst recht, wenn das gesamte Bataillon in Kolonne über die Autobahn kriecht. Irgendwann nachts schlug ich am Kompaniegefechtsstand der 3./JgBtl 533 auf. Dieser war stilecht im Schweinestall eines Bauernhofs untergebracht. Kurz beim Oberleutnant d.R. gemeldet, dann halbtot in den Schlafsack gerollt und auf dem Stroh eingenickt. Nur kurze Zeit später weckte mich ein Spießgeselle des Oberleutnants. Ich müsse jetzt sofort aufstehen und mit meinem Soldaten den Alarmposten übernehmen. Dass das Ärger geben würde, war mir sofort klar.

Divisionsrahmenübung "Springendes Roß" vor der Abfahrt in der Panzerkaserne in Düren. Die Fahrzeuge der 3./JgBtl 533 sammeln sich auf dem Kasernenhof

Divisionsrahmenübung „Springendes Roß“ vor der Abfahrt in der Panzerkaserne in Düren. Soldaten und Fahrzeuge der 3./JgBtl 533 sammeln sich auf dem Kasernenhof

Sanitätspersonal ist keine kämpfende Truppe. Deswegen machen Sanis auch keinen Wachdienst in den Kasernen. Außer in den Sanitätsbataillonen selbst. Somit ist es verboten, als Sanitätspersonal gekennzeichnete Soldaten in einen Alarmposten zu befehlen. Ich hätte also die Rot-Kreuz-Binde abnehmen und ein G3 bekommen müssen, damit das Sinn gemacht hätte und vielleicht gerade noch rechtens gewesen wäre. Ich habe den Befehl ausgeführt. Allerdings alleine. Meinen Gefreiten konnte ich weiter schlafen lassen. So stand ich zwei Stunden in der Dunkelheit vor dem Bauernhof herum, spielte mit meiner ungeladenen P1 und habe auf den imaginären Feind gewartet, der in dieser Nacht nicht kam. Am nächsten Vormittag kam aber der gerechte Zorn meines Stabsarztes, der den Oberleutnant mit voller Wucht traf. Denn ich habe morgens direkt gepetzt und den Vorfall gemeldet. So wie es sich gehört. Der Oberleutnant, der während seiner Reserveübung die wilde Sau rausgelassen hat, war jetzt gewarnt und behandelte mich vorsichtiger. In der darauffolgenden Nacht hatte ich dann allerdings wieder einen triftigen Grund, den Mann zur Meldung zu bringen. Warum ich mit meinem Gefreiten im KrKW in jener Nacht unterwegs war und durch die Gegend fuhr, das weiß ich heute nicht mehr. An was ich mich sehr wohl noch erinnern kann, das sind die Umstände meiner Rückkehr zum Kompaniegefechtsstand. Nichts ahnend fuhren wir die Stichstraße zum Bauernhof entlang, die nach einiger Zeit nicht mehr beleuchtet war. In die Dunkelheit hinein manövrierend, zuckten sowohl mein Fahrer als auch ich zusammen, als vor uns und von der Seite Mündungsfeuer aufblitzte. Dazu lautes Geballer, Geschrei und ein mörderischer Krach mitten in der Nacht. Ich sagte meinem Gefreiten, dass er jetzt mal bitte anhalten soll. Dann kurbelte ich mein Fenster runter und sah den Oberleutnant. Sein Gesichtsausdruck war jetzt noch dümmer als sonst. „Ach, ihr seid das…“, stammelte der Schwachkopf vor sich hin. Das MG3 hielt er mit einer Hand in der Hüfte und einen Patronengurt hatte er um den Hals gehängt. Wie in einem schlechten Film. „Ja genau, Herr Oberleutnant, wir sind das. Und wir sind jetzt tot“, ätzte ich zurück.

Divisionsrahmenübung "Springendes Roß". In der Mitte steht ein Flakpanzer Gepard. Geradeaus ging es zum Kompaniegefechtsstand der 2./JgBtl 533

Divisionsrahmenübung „Springendes Roß“. In der Mitte steht ein Flakpanzer Gepard. Geradeaus ging es zum Kompaniegefechtsstand der 3./JgBtl 533

Die Übung hätte jetzt für uns beendet sein müssen. Denn auf diesem Manöver gab es tatsächlich „Feindkommandos“, die die Kampfkompanien auf Trab hielten und hier und da mal Attacken starteten. So wurde mit Platzpatronen rumgeballert und die eine oder andere DM12 (Übgranate) detonierte unüberhörbar. Es soll sogar eine Verfolgungsjagd quer durch Wesel gegeben haben, bei der sich die Beifahrer zweier Unimogs gegenseitig „beschossen“ haben sollen. Feindfahrzeuge waren auf der Seite mit einem großen roten Andreaskreuz gekennzeichnet. Das war auch der Grund, warum wir in dieser Nacht umgelegt wurden. Ein Blindfisch auf einem Hügel, der als Melder und Aufklärer eingesetzt war, erspähte unseren Krankenwagen. Der Intelligenzbolzen hielt unser Rotes Kreuz für das feindliche Andreaskreuz und meldete uns per Funk als Feindfahrzeug an die Kompanie. Der Rest ist Geschichte.

Divisionsrahmenübung "Springendes Roß" 1995 in der Nähe von Wesel. Mit Splitterschutzweste, Stahlhelm, ABC-Schutztasche und P1

Divisionsrahmenübung „Springendes Roß“ 1995 in der Nähe von Wesel. Mit Splitterschutzweste, Stahlhelm, ABC-Schutztasche und P1

Wie bei jeder Übung hatte ich auch beim „Springenden Roß“ mindestens 20 Dosen Bier dabei. Diese lagen offen im Patientenraum hinten herum und kullerten teilweise über den Boden. Die Karre sah wirklich schlimm aus. Eines Nachmittags bekam ich aus heiterem Himmel den Impuls, dass ich mit meinem Soldaten jetzt doch mal das Auto aufräumen sollte. Und das taten wir dann auch. Das Dosenbier verschwand in den Schränken, in denen sonst die Infusionsflaschen aufbewahrt werden. Die Decken haben wir schön brav gefaltet auf die Tragen gelegt. Und alles sah fein aus. Abends mussten wir zum Rhein. Die gesamte Division setzte mit einer Fähre auf das andere Ufer über. Und wir sollten die Sanitätsversorgung dieser Aktion sicherstellen. Mitten in der Nacht langweilten wir uns am Auto. Den Splitterschutz hatten wir noch an, den Helm aber abgelegt, lehnten wir am Fahrzeug und futterten M&Ms. Auf einmal tauchte eine Traube von Typen auf, die sich genau auf uns zubewegte. Dunkle Gestalten in stockdusterer Nacht. Ein kleiner Mann stand vor mir und ich musste wirklich dreimal hinschauen, bis ich den Divisionskommandeur nur an seinen goldenen Schulterklappen erkannt habe. Artig habe ich den Herrn General gegrüßt, der uns offensichtlich für Müßiggänger hielt und sogleich einen Blick hinten in den KrKW werfen wollte. Diesen hatten wir nachmittags ja auf Vordermann gebracht, so dass der Herr General nichts auszusetzen hatte. Da hatte mich mein soldatischer Instinkt oder mein Schutzengel geführt. Andererseits wäre es schon interessant gewesen, wie der Generalmajor reagiert hätte, wenn ihm das Dosenbier entgegen gerollt wäre. Ich werde es nie erfahren. Sein flüchtiger Blick schaffte es zum Glück nicht in die kleinen Schränke für die Infusionsflaschen.

Unser KrKW während der Divisionsrahmenübung "Springendes Roß" vor dem Bauernhof. Kurz danach haben wir das Teil innen aufgeräumt. Glück gehabt

Unser KrKW während der Divisionsrahmenübung „Springendes Roß“ vor dem Bauernhof. Kurz danach haben wir das Teil innen aufgeräumt. Glück gehabt

Fortsetzung folgt im Januar mit Bundeswehr-Erlebnissen von Übungen in Daaden, Ostenholzer Moor, Baumholder und Sennelager!

© Fotos und Text Bastian Glumm – Alle Rechte vorbehalten

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3 Antworten to “Die Feder ist einfach mächtiger! -Teil 1-”

  1. Micky Wagner Says:

    Super geschrieben, kann vieles nur bestätigen. Springendes Roß war wirklich ein Highlight. Gruß Micky HG der 6.Kp/JgBtl 533

  2. peter wertz Says:

    ich war 1985 als gwdler für 12 monate (nach 3 monaten grundifick und bf kettenfs im jgbt 6./533) dann im stab stkp hschbrig 53…alles in allem wars ne coole zeit…aber dummbratzen gabs auch in der stapskompanie reichlich…am schlimmsten waren teilweise die hgs oder ogs m.b.lehrgang u.a…dumm, aber befehlsbefugt…insbesondere auf abiturienten standen die;-)…

    haste schön geschrieben;-)

  3. peter wertz Says:

    danke für den hinweis…war unsinn, war nicht in der grundausbildung 6./533, sondern euskirchen:
    6.Jgbtl 532 //, dann StKp // Abt. S 2 // HSchBrig 53

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