Mai 2011 – Yad Vashem

(bgl) Jerusalem im Mai 2011Mir war natürlich von Anfang an klar, dass auch diese Reise nicht komplett so verlaufen wird, wie ich sie geplant habe. Das wäre ja auch schon zu unheimlich. Wie sagte Moltke so schön: „Der beste Plan hält nur bis zum ersten Feindkontakt!“ Es war geplant bzw. ich hatte in Deutschland schon einen Tagesausflug nach Nazareth gebucht. Und natürlich auch schon bezahlt. Ich hätte also morgens um sechs Uhr an einem „Panorama Hotel“ beim Damaskustor warten sollen, dort würde man mich abholen. So hat man es mir schriftlich mitgeteilt. Klingt zunächst einmal gut, nur gibt es dort weit und breit kein „Panorama Hotel“, was ich nach einstündiger Suche in den frühen Jerusalemer Morgenstunden im Antlitz meines Schweißes entsetzt feststellen musste (später konnte ich herausfinden, dass es ein „Dan Panorama Hotel“ am anderen Ende der Stadt gibt). Ich habe daraufhin meine Suche abgebrochen, bin zurück zum Österreichischen Hospiz gehetzt und habe der Firma direkt eine Mail nach Haifa geschickt und darum gebeten, mir einen anderen Termin für diese Woche zu geben. Diesen bekam ich dann glücklicherweise einen Tag später und alles war dann am Ende doch noch gut.

Also war ich noch zeitig beim Frühstück und bin mit der überraschten Sophie zusammen in den Bus zur Central Bus Station gestiegen. Sophie verabschiedete sich dort in Richtung Tel Aviv Flughafen und ich fuhr weiter zum Mount Herzl, einmal kreuz und quer durch West-Jerusalem. Heute kommt man mit der Straßenbahn sehr viel besser dorthin, da diese den direkten Weg die Jaffa Street hoch nimmt. Mein israelischer Linienbusfahrer machte mich coolerweise darauf aufmerksam, wann ich wo auszusteigen habe, um nach Yad Vashem zu kommen. Mein Hebräisch war damals nämlich mindestens genauso schlecht wie heute. Den restlichen Fußweg hat er mir auch noch erklärt. Eins steht fest: die Israelis sind zwar manchmal ein wenig knurrig und auch etwas grobschlächtig, aber sie sind immer sehr hilfsbereit. Vor allem sind gerade die Busfahrer um einiges vertrauenwürdiger, als die Ost-Jerusalemer Taxifahrer. Diese Lektion hatte ich glücklicherweise recht schnell gelernt. Und bis heute verinnerlicht.

Ein Brückengleis, das im Nichts endet. Und ein Güterwagon der Reichsbahn mit einer Tür, die einen Spalt geöffnet ist. Die Gedenkstätte für die Deportierten in Yad Vashem

Ein Stück Brücken-Bahngleis, das im Nichts endet. Und ein Güterwagon der Reichsbahn mit einer Tür, die einen Spalt geöffnet ist. Die Gedenkstätte für die Deportierten in Yad Vashem

Yad Vashem liegt fast schon idyllisch gelegen westlich des Mount Herzl in angelegten Nadelwäldern. Bei der weitläufigen Anlage handelt es sich um die bedeutendste Gedenkstätte für die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden. Neben der eigentlichen Gedenkstätte befindet sich auf dem weitläufigen Gelände auch ein multimediales Archiv und ein großes Museum. Heute war das Wetter in Jerusalem dem Heiligen Land mehr als würdig. Über 30 Grad und bombastischer Sonnenschein. Es war richtig heiß. Ein kleiner Shuttlebus bringt die Besucher kostenlos von der Bushaltestelle zum Haupteingang von Yad Vashem. Am Eingang wurde ich nach meiner Nationalität gefragt. Ich war mir nicht sicher, warum das Fall war. Dass ich mich als Deutscher geoutet habe, hat dem Wachmann sogar ein freundliches Lächeln ins Gesicht gezaubert. Er wies mir freundlich den weiteren Weg. Danach musste ich im Besucherzentrum meine Tasche abgeben.

Mein Rundgang begann am Platz des Warschauer Ghettos und ich brauchte eine Weile, um mich zu orientieren. Schon hier fiel mir eine Gruppe aus älteren Herrschaften auf, die von einem Israeli über das Gelände geführt wurde. Und das in deutscher Sprache. Später sollte ich die Leute wiedertreffen. Ich besuchte zunächst das Denkmal für die Kinder, das an die anderthalb Millionen Kinder erinnern soll, die die SS auf dem Gewissen hat. Die Gedenkstätte der Kinder ist unterirdisch und wurde – so wie ich das verstanden habe –  von jüdischen Eltern ins Leben gerufen, die 1944 ihr Kind in Auschwitz verloren haben. In einem vollkommen abgedunkelten Raum wird durch zahlreiche Spiegel Kerzenlicht vervielfacht, so dass der Raum wie ein Sternenhimmel anmutet. Gleichzeitig werden alle Namen der Kinder über einen Lautsprecher durchgesagt, das in den jeweiligen Sprachen der Ermordeten. Da musste ich erstmals schlucken. Wem das nicht nahe geht oder mindestens zum Grübeln bringt, dem ist echt nicht mehr zu helfen. Ein eindringlicher Moment.

Die Allee der Gerechten unter den Völkern in Yad Vashem. Für jeden "Gerechten" wurde hier ein Baum gepflanzt bzw. er/sie dürfte einen pflanzen. Als Gerechter gilt, wer als Nichtjude sich den Nationalsozialisten widersetzte, um Juden zu retten

Die Allee der Gerechten unter den Völkern in Yad Vashem. Für jeden „Gerechten“ wurde hier ein Baum gepflanzt bzw. er/sie dürfte einen pflanzen. Als Gerechter gilt, wer als Nichtjude sich den Nationalsozialisten widersetzte, um Juden zu retten

Ich besuchte Denkmäler und Gedenkstätten, die an jüdische Partisanen erinnerten. Ich lief durch die Allee der Gerechten unter den Völkern und fand dort auch den Baum, den Oskar Schindler gepflanzt hat. Nicht-Juden, die während des Holocaust Juden vor dem Tod retteten und sich den Nationalsozialisten widersetzten, hat der Staat Israel dort zur Pflanzung eines Baumes eingeladen. In der Halle der Erinnerung wird an die größten Konzentrations- und Vernichtungslager erinnert. Die Halle war voller israelischer Soldaten, die diese eindrucksvollen Ort des Gedenkens besucht haben. Absolut umgehauen aber hat mich das Tal der Gemeinden. So etwas habe ich noch nie gesehen, höchst beeindruckend und auch bedrückend. Ungefähr ein Hektar groß ist das Gelände und man hat mir erklärt, dass es in Naturstein geschlagen wurde. Man wandelt dort durch meterhohe Stelen aus Sandstein, an deren Wänden in hebräischer und in lateinischer Schrift Orts- und Städtenamen eingeschlagen sind. Dort sind um die 5000 jüdische Gemeinden aufgeführt, die nicht mehr existieren, weil von Hitlers Schergen komplett ausgelöscht.

Das Tal der Gemeinden. An den Wänden dieses eindrucksvollen Mahnmals sind die Namen 5.000 europäischer Orte eingemeißelt. 5.000 jüdische Gemeinden, die während der Shoa teilweise oder gänzlich ausgelöscht wurden

Das Tal der Gemeinden. An den Wänden dieses eindrucksvollen Mahnmals sind die Namen 5000 europäischer Orte eingemeißelt. 5000 jüdische Gemeinden, die während der Shoa teilweise oder gänzlich ausgelöscht wurden

Im Tal der Gemeinden. Je größer die Schrift, desto größer war vor dem Holocaust die jeweilige jüdische Gemeinde. Die Schrift Berlins war recht groß...

Im Tal der Gemeinden. Je größer die Schrift, desto größer war vor dem Holocaust die jeweilige jüdische Gemeinde. Die Schrift Berlins war recht groß…

Solingen habe ich in der deutschen Ecke zwar nicht gefunden, aber ein israelischer Guide sagte mir, dass es sehr wohl dort zu finden sei. An diesem Platz traf ich die Gruppe der älteren Herrschaften nebst Israeli wieder und ich gesellte mich eine Weile dazu. Mein Weg führte mich bei gleißender Sonne zum Garten der Gerechten unter den Völkern . Wieder traf ich den Israeli und ich sprach ihn an, ob es ihn störe, dass ich etwas über die Schultern seiner Gruppe mithören würde. Er klopfte mir auf die Schulter und hieß mich in seiner Gruppe willkommen, wenn ich in Frieden käme (O-Ton). Wie sich herausstelle, bestand die Gruppe teilweise aus Überlebenden des Holocaust, polnischen Juden, die deutsch sprachen. Aber wohl auch deutschen Juden. Eine ältere Dame erzählte, dass sie als Kind von einer Frau in einem Kloster vor der SS versteckt wurde. Als sie den Namen ihrer Retterin auf einer Gedenktafel völlig unerwartet wiederfand, brach sie in Tränen aus und umarmte ihre Begleiter. Es spielten sich ergreifende Szenen ab. Die Herrschaften baten mich, sie in der Gruppe vor der Gedenktafel zu fotografieren. Der Bitte kam ich nur zu gerne nach. Diese Begegnung werde ich so schnell nicht vergessen. Überhaupt schien mir der Liebe Gott auf dieser Reise dauernd solche Leute über den Weg zu schicken. Ganz sicher einer der Gründe, warum ich zu dieser Zeit genau an diesem Ort gewesen bin.

Überraschend fand eine Dame den Namen einer Frau auf dieser Namenstafel im Garten der Gerechten unter den Völkern, die sie als junges Mädchen im Zweiten Weltkrieg vor der SS in einem Kloster versteckte. Daraufhin brach sie in Tränen aus

Überraschend fand eine Dame den Namen einer Frau auf dieser Namenstafel im Garten der Gerechten unter den Völkern, die sie als junges Mädchen im Zweiten Weltkrieg vor der SS in einem Kloster versteckte. Daraufhin brach sie in Tränen aus

Danach trennten sich unsere Wege. Die Gedenkstätte der Deportierten habe ich mir im Anschluß dieser denkwürdigen Begegnung angeschaut. Ein alter Wagon der Reichsbahn steht dort auf einem Brücken-Bahngleis, das ins Nichts führt. Obwoh ich zu diesem Zeitpunkt bereits fußlahm war und meine Zunge in den Kniekehlen hing, habe ich mir auch noch das eindrucksvolle (und voll klimatisierte) Yad Vashem Museum angeschaut. Am frühen Nachmittag hatte ich meinen Rundgang durch Yad Vashem beendet und war sehr viel mehr in Gedanken verloren, als ich das im Vorfeld erwartet hätte. Als ich das Gelände verlassen habe, fragte mich einer meiner Lieblingstaxifahrer, ob ich mitfahren wolle. Ich sagte zu, da ich ziemlich entnervt war und keine Lust mehr auf Warten an der Bushaltestelle hatte. Gemeinsam mit einem italienischen Ehepaar  brachte der Araber uns zurück zur Altstadt. Mir war klar, dass die Fahrt zum Jaffator nicht 50 Schekel insgesamt kosten würde, wie von den beiden Italienern gutgläubig erwartet. Aber ich habe mich zurückgehalten. Wie erwartet mussten dann auch 50 Schekel pro Nase berappt werden. Diese Taxifahrer sind wirklich nur mit allergrößter Vorsicht zu genießen. Rund sechs Stunden war ich unterwegs und habe mir dann den Rest des Tages freigenommen. Yad Vashem hat mich nachhaltig beeindruckt, weshalb ich diese einzigartige Stätte des Gedenkens bei meiner nächsten Reise nach Israel ein weiteres Mal besuchen werde. Überhaupt werde ich diesen Tag im Mai 2011 wohl nicht vergessen.

© Fotos und Text Bastian Glumm – Alle Rechte vorbehalten

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