Mai 2012 – Jericho und Betlehem

(bgl) Westjordanland im Mai 2012 – Innerhalb eines Jahres 20 Bücher über Israel zu lesen, das ist eine Sache. Dann die Probe aufs Exempel vor Ort zu machen eine ganz andere. Da wäre ich doch seinerzeit fast am Shabbat gescheitert. Gerade in Jerusalem, wo sie alle ihre Geschäfte zumachen und vor lauter Angst bzw. Genervtheit vor den Haredim erst tags darauf wieder aufmachen. Glücklicherweise habe ich den MacDonalds um die Ecke gefunden und der hatte auch auf. Die Taschenkontrolle am Eingang vom bewaffneten Wachmann war mir da nur recht und billig. Denn jener Tag war anspruchsvoll, interessant und für mich sehr aufschlussreich. Heute ging es etwas früher los. Da ich aus Erfahrung klug geworden bin, habe ich meinen Ausflug nach Betlehem und Jericho erstens auf den Samstag gelegt und zweitens den Bus zum Mamilla Hotel bestellt, damit die mir nicht wieder irgendwelche fiktiven Abholpunkte nennen (wie im Jahr zuvor). Das Mamilla ist in der Nähe das Jaffa Tors und vom Hotel Montefiore in einer guten Viertelstunde fußläufig zu erreichen. Der Bus kam etwa eine halbe Stunde zu spät, was aber durchaus im Rahmen der hier so üblichen Abholpünktlichkeit zu sein scheint. Zunächst wurde die gesamte Busladung zum Mount Scopus Hotel gebracht und ausgeladen. In der Lobby war einiges los, denn hier koordinierten sich die Tagestouren kreuz und quer.

Touren nach Masada und Jerusalem wurden durchgerufen. Nach einer Weile wurden diejenigen aufgerufen, die nach Jericho und Betlehem wollten. Die zwölf Köpfe starke Gruppe, die sich daraufhin im Bus zusammenfand, war sehr angenehm. Italiener, eine Spanierin, mehrere US-Amerikaner, Briten, ein Australier und zwei Damen aus Neu-Seeland sowie ein Japaner wie aus dem Bilderbuch waren an Bord. Unser Tourguide war zunächst ein arabischer Israeli, der die Straße aus Jerusalem in Richtung Totes Meer nahm. Nach dem Tunnel erwartete uns die judäische Wüste in all ihrer Pracht. Entlang der Wegstrecke nach Jericho fielen mir wieder mal nicht nur die zahlreichen Kasernen der israelischen Armee auf, sondern auch die nicht minder vielen Beduinen, die in unmittelbarer Nähe zur Straße ihre Wellblechbehausungen aufgebaut hatten. Fand ich die Lebensumstände der Palästinenser später in Jericho schon erbärmlich, waren es die der Beduinen erst recht. Nach einem kurzen Stopp auf der Höhe des Meeresspiegels inklusive wunderbarem Ausblick auf die Wüste und Kamel zur Touristen-Bespaßung um die Ecke, ging es weiter nach Jericho, der ältesten und der tiefst gelegenen Stadt der Welt.

In derartigen Bruchbuden leben Beduinen. Diese Wellblechhütten sieht man zuhauf entlang der Straße von Jerusalem zum Toten Meer

In derartigen Bruchbuden leben Beduinen. Diese Wellblechhütten sieht man zuhauf entlang der Straße von Jerusalem zum Toten Meer

Jericho war die erste Stadt im Palästinensergebiet, die 1994 ihre Autonomie erhielt und von den Israelis geräumt wurde. Seitdem verwaltet man sich dort mehr oder minder selbstständig. Israel hat unlängst seinen Griff um den Ort gelockert und den Checkpoint vor der Stadtgrenze abgebaut. Dafür haben die Palästinenser dort einen Kontrollpunkt und ich musste echt ein wenig schmunzeln, als wir ihn passierten. Da standen drei palästinensische Paramilitärs mit AK-47 umgehängt wie aus einem schlechten Film und haben so getan, als würden sie kontrollieren. Die Palästinensische Autonomiebehörde will auf diese Weise wohl zumindest den Anschein einer Selbstständigkeit und Souveränität demonstrieren. Ich habe zumindest noch von keinen jüdischen Selbstmordattentätern gehört, die sich in Jericho in die Luft gesprengt haben.

Der Baum des Zachäus in Jericho. Zachäus soll ein jüdischer Zöllner gewesen sein und von diesem Baum aus den Einzug von Jesus Christus in die Stadt beobachtet haben

Der Baum des Zachäus in Jericho. Zachäus soll ein jüdischer Zöllner gewesen sein und von diesem Baum aus den Einzug von Jesus Christus in die Stadt beobachtet haben

Wie dem auch sei, der Japaner winkte den Zinnsoldaten brav und ich musste inzwischen echt grinsen. Kontrolliert wurden wir noch nichtmal. Mein erster Eindruck von Jericho war trostlos. Viele verlassene und verfallene Häuser. Die ganze Stadt wirkte sehr leblos. Rund 20.000 Menschen sollen dort leben und von der Fläche her ist Jericho so klein auch gar nicht. Aber es war eine ganz komische Atmosphäre dort. Unser erstes Ziel war der Baum des Zachäus. Auch hier musste ich erst nachlesen, was es damit auf sich hat. Zachäus war ein Zöllner, der auf diesen Baum geklettert sein soll, als Christus ihn angesprochen hat und mit ihm in sein Haus zu seiner Familie ging. Das extrem zusammengefasst. Ich bin ohnehin nicht bibelfest. Christen glauben sogar, dass es sich dabei um den echten Baum von damals handelt. Ich würde mich da nicht drum streiten. Weiter ging es zur archäologischen Ausgrabungsstätte. Dort übernahm ein palästinensischer Touristenführer und leitete uns durch die Jahrtausende alten Reste des antiken Jericho. Zu sehen waren Fundamente von 4.000 Jahre alten Häusern und auch Reste der uralten Stadtmauern. Ob diese von Joshuas Posaunen zu Fall gebracht wurden, kann man seiner Fantasie oder seinem Glauben überlassen. Spannend war das allemal. Auch die Temperaturen waren inzwischen spannend, da an den 40 Grad im tiefgelegenen Jericho durchaus gekratzt wurde. Nach einer kurzen Pause ging es im Bus weiter. Wir passierten Felder und eingerissene Häuser und an einem großen Bananenfeld sind mir die Kinder aufgefallen. Drei Jungs, vielleicht neun Jahre alt, planschten in einer Art Viehtränke herum und als sie uns sahen, hellten sich ihre Mienen auf. Wild winkten sie uns hinterher und zeigten uns, wie wagemutig sie sich in die Tränke stürzen konnten. Der Touristenbus als Attraktion.

Das Kloster der Versuchung oberhalb von Jericho. Hier soll Christus vom Teufel versucht worden sein, während er 40 Tage durch die Wüste wanderte

Das Kloster der Versuchung oberhalb von Jericho. Hier soll Christus vom Teufel versucht worden sein, während er 40 Tage durch die Wüste wanderte

Unser Reiseführer sprach dauernd von „Temptations“. Kannte die Musik-Gruppe vom Namen, konnte mit dem Begriff aber nichts so recht anfangen. Also sprach ich den kleinen Japaner an und bat ihm, mir doch auf englisch zu erklären, was das bedeutet. Dem sah er sich nicht imstande. Aber er hatte sein Smartphone parat mit allen Apps, die es im Reich der Aufgehenden Sonne wohl zum Download gibt. Also auch den Universaltranslator. Flink wie der Wind fuchtelte er auf dem Telefon rum, bis er es mir vor die Nase hielt und das deutsche Wort „Verführung“ dort stand. Ich bedankte mich brav und verstand nun. Wir wurden zu einer Stelle gebracht, von der wir einen Blick auf eine imposante und klippenartige Bergformation hatten. Dort soll Jesus Christus in Versuchung geführt, also verführt, worden sein. 40 Tage wanderte Christus durch die Wüste und an genau dieser Stelle soll ihn der Teufel versucht haben. Ein fantastischer Anblick und der biblische Gedanke im Hinterkopf machte das alles umso spannender. Wirklich eindrucksvoll. Oben haben die Griechen ein Kloster gebaut. Es schlängelt sich entlang der Steilwand. Ursprünglich waren es auch hier die Kreuzritter, die mit den Bautätigkeiten begannen, bis die Moslems den Baustopp und Abriss anordneten. Später erinnerte man sich der Stelle. Wir machten uns nun auf den Weg nach Betlehem.

Diese Sperranlage trennt Israel von der Westbank. Und das außerordentlich effektiv, haben terroristische Aktionen im israelischen Kernland seit der Installation von Zaun und Mauer deutlich nachgelassen. Auf dem Foto sieht man die Anlage zwischen Jerusalem und Betlehem

Diese Sperranlage trennt Israel von der Westbank. Und das außerordentlich effektiv, haben terroristische Aktionen im israelischen Kernland seit der Installation von Zaun und Mauer deutlich nachgelassen. Auf dem Foto sieht man die Anlage zwischen Jerusalem und Betlehem

Um nach Betlehem zu kommen, muss man von Jericho aus zunächst wieder nach Jerusalem hinein. Am Checkpoint in Jerusalem mussten wir aussteigen und zu Fuß durch die Anlage auf die andere Seite nach Betlehem rüber. Kontrolliert wurde weder von israelischer noch von palästinensischer Seite. Auf Betlehemer Seite erwartete uns ein Bus mit neuem Reiseführer und es ging weiter. Israelische Busse dürfen nicht nach Betlehem und auch israelische Reiseführer nicht. Deshalb der Aufwand. Betlehem machte auf mich einen ganz anderen Eindruck als Jericho. Es wird sehr viel gebaut, es gibt viele Geschäfte und die Häuser sehen so ganz und gar nicht verkommen aus. Ganz im Gegenteil. Warum das so ist? Entweder liegt es an den Milliarden, die seitens der EU und USA in die Region gepumpt werden oder aber am doch sehr regen Zustrom christlicher Pilger in die Stadt, die natürlich Geld mitbringen. Zumindest für Betlehem stimmt das Märchen des armen und unterdrückten Palästinensers nicht. Wir besuchten auch hier zunächst eine Ausgrabungsstätte und krabbelten in 4.000 Jahre alten Höhlen herum. Direkt danach ging es auch schon zur Geburtskirche und ich muss sagen, dass das, was ich dort gesehen habe, nahe an religiöser Hysterie war. Unser palästinensischer Führer, offensichtlich selbst Christ, konnte es so einrichten, dass wir ohne Wartezeit zur so genannten „Geburtsstelle“ Christi kamen. Dicht gedrängt wollten hunderte Menschen in der Katakombe diesen Stern berühren. Ich war zu Pfingsten dort. Palästinensische Polizei hatte Mühe, die Meute im Zaum zu halten. Unglaublich.

Die Geburtskirche in Bethlehem ist ein altes Gotteshaus. Mehr als 1500 Jahre hat das Gebäude bereits auf dem Buckel, was sich direkt am Haupteingang deutlich zeigt. Mehrfach zugemauert und wieder aufgebrochen, legt das Portal ein eindrucksvoles Zeugnis über die Jahrhunderte ab

Die Geburtskirche in Bethlehem ist ein altes Gotteshaus. Mehr als 1500 Jahre hat das Gebäude bereits auf dem Buckel, was sich direkt am Haupteingang deutlich zeigt. Mehrfach zugemauert und wieder aufgebrochen, legt das Portal ein eindrucksvolles Zeugnis über die Jahrhunderte ab

Auch wenn es vollkommen sinnlos ist, konnte ich das Sternchen auf dem Boden kurz berühren. Damit war meine Pilgerreise eigentlich erfüllt. Die Kirche ansich war nicht uninteressant. Aufgrund des Trubels konnte ich mich nicht so recht drauf einlassen. Ich wusste aber, dass sie das älteste Kirchenhaus der Christenheit überhaupt ist. Erbaut von Kaiserin Helena, erweitert von Kaiser Justinian und den Kreuzrittern, steckt diese alte Kirche voller Geschichte und auch Geschichten. Schade, dass es so voll war und wir dort durchgepeitscht wurden. Einer der Gründe, warum ich solche Stätten lieber allein und mit viel Zeit im Gepäck besuche. Zum Schluss der Tour wurden wir natürlich in einen Gift-Shop gefahren. Dieser hatte aber Niveau und erinnerte mich an den in Nazareth vom Jahr zuvor. Immerhin konnte ich ein paar schöne Geschenke ergattern. Zurück konnten wir fahrend durch den Checkpoint und es wurde wieder nicht kontrolliert, die israelische Grenzpolizei hat uns einfach durchgewunken. Von Betlehem ist man innerhalb weniger Minuten wieder in Jerusalem. Aus fast jeder Perspektive war die enorme Sperrmauer und der Zaun zu sehen, die auf Anordnung des damaligen israelischen Präsidenten Ariel Scharon gebaut wurden und die Westbank vom israelischen Kernland trennt. Das Ding ist groß, hässlich und umstritten. Das Ding ist absolut wirksam, kam doch seit dem Bau kaum ein Selbstmordattentäter mehr nach Israel. Wie immer im Nahen Osten hat auch diese Medaille zwei Seiten.

© Fotos und Text Bastian Glumm – Alle Rechte vorbehalten

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2 Antworten to “Mai 2012 – Jericho und Betlehem”

  1. faehrtensuche Says:

    Eine kleine Anmerkung:
    Du verwendest in Deinem Artikel das Wort „Christus“ bzw. einmal auch „Jesus Christus“. Es ist gut zu wissen, dass man bei der Verwendung des Begriffes „Christus“ eine Glaubensaussage trifft. Richtiger müsste es „Jesus“ oder (hebräisch) „Jeshua“ heißen.
    „Jesus Christus“ heißt in seiner eigentlichen Bedeutung „Jesus, der Christus“, also: „Jesus, der von Gott Gesalbte“ oder „der Messias“!
    LG

  2. Basti Says:

    Danke für den Hinweis. Kann man mal wieder sehen, wie ich es so mit Glaubensaussagen nehme :/

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