Mit Peter Finkelgruen in Gießen

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Es gibt diese Leben. Leben, deren Wege einen Menschen rund um den Globus führen. Nicht nur als Tourist oder einfacher Reisender. Nein, das Schicksal war der Steuermann. Und natürlich sind solche Lebenswege nicht nur von freudigen Ereignissen geprägt. Peter Finkelgruen könnte davon ein Lied singen, wenn er seine Lebensgeschichte nicht längst schon zu Papier gebracht hätte. Peter Finkelgruens Leben ist nämlich so eine Geschichte, die es sich zu erzählen lohnt. Auf Einladung des Jüdischen Nationalfonds-KKL e.V. kam Finkelgruen jetzt in die Räume der Jüdischen Gemeinde ins nordhessische Gießen, um sie zu erzählen. Knapp 30 Gäste folgten der Einladung des JNF-KKL und lauschten den Ausführungen des Journalisten und Schriftstellers.

Bevor Finkelgruen sich jedoch dem Diskurs mit den Besuchern widmete, stand eine Filmvorführung auf dem Programm. „Unterwegs als sicherer Ort“, heißt der biografische Dokumentarfilm über Peter Finkelgruen, der das Leben eines Getriebenen zeigt. Denn der Wahl-Kölner war fast immer unterwegs und dabei auch auf der Suche nach seiner eigenen Identität. Und auf der Suche nach einem Mann, der zum Mörder seines Großvaters wurde. Geboren wurde Peter Finkelgruen 1942 in Shanghai. Dort erhoffte sich die jüdische Familie Zuflucht und Schutz vor den Nationalsozialisten. Doch dann kamen die Japaner, Verbündete in Hitlers „Dreimächtepakt“, die für staatenlose Ausländer  (meist Juden auf der Flucht) 1943 ein Ghetto in Shangahi einrichteten. Dort musste auch der junge Finkelgruen mit seiner Familie ausharren. Hier spielte der Krieg und die Geschichte den zusammengepferchten Menschen seltsam mit. Aber letztendlich glücklich. Denn die Deutschen drängten die Japaner, alle Juden im Ghetto umzubringen. Die Japaner aber, sonst nicht gerade für ihre Menschenliebe bekannt und vor keinem Massaker zurückschreckend, lehnten dieses Ansinnen ab. Trotzdem überlebte Finkelgruens Vater die Strapazen des Ghettos nicht. Nach Kriegsende ging Finkelgruen 1946 mit seiner Mutter nach Prag. Dort lebte seine Großmutter.

Großmutter Finkelgruen überlebte die Torturen des Konzentrationslagers Theresienstadt. Ihr Ehemann nicht. Martin Finkelgruen wurde 1942 in der Kleinen Festung in Theresienstadt zu Tode geprügelt. Von Anton Malloth. Dieser gehörte zur Wachmannschaft der SS des Konzentrationslagers. Lange Jahre versuchte Peter Finkelgruen den Mörder seines Großvaters hinter Gitter zu bringen. Dramatisch und frustrierend auch für den Beobachter, denn Malloth lebte jahrzehntelang unbehelligt in Deutschland. Und das obwohl es an Augenzeugen für seine im KZ verübten Verbrechen nicht mangelte. Denn nicht nur Großvater Finkelgruen wurde von Anton Malloth ermordet. Rund 100 Häftlinge soll der SS-Mörder eigenhändig erschlagen haben. Hier versagte die deutsche Nachkriegsjustiz auf ganzer Linie. Leider kein Einzelfall.

Das Hauptportal der Kleinen Festung Theresienstadt. Ich besuchte diesen Ort im Hochsommer 2010. 40 Grad im Schatten. Ein bedrückendes und beeindruckendes Mahnmal gleichermaßen.

Das Hauptportal der Kleinen Festung Theresienstadt. Ich besuchte diesen Ort im Hochsommer 2010. 40 Grad im Schatten. Ein bedrückendes und beeindruckendes Mahnmal gleichermaßen

Die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit geschah auch im Rahmen der Auschwitz-Prozesse. Diese fanden in den 1960er-Jahren in Frankfurt statt. Mitglieder und Führungspersönlichkeiten der SS-Lagermannschaft des Vernichtungslagers mussten sich damals vor dem Schwurgericht verantworten. Und viele waren bis zu diesem Zeitpunkt ohne Anklage durch das Nachkriegs-Deutschland gekommen. Peter Finkelgruen war dabei. Als Korrespondent der Deutschen Welle. Wie er mir nach der Veranstaltung in Gießen erzählte, habe er leider den legendären Fritz Bauer im Rahmen seiner Berichterstattung nicht kennenlernen können. Denn genau danach hatte ich ihn gefragt. Fritz Bauer war Staatsanwalt und leidenschaftlicher Ankläger mit einer Mission. Ein unglaublicher Typ. Schaut man sich heute die ergangenen Urteile an, so erscheinen diese auch nach rund 50 Jahren noch mitunter außerordentlich milde. Viele der Verurteilten kamen nach einigen Jahren wieder frei und lebten unbehelligt bis ins hohe Alter. Wenn man bedenkt, was für sadistische Teufel und Dämonen sie in den Lagern waren, erstaunt das noch heute.

Die Kleine Festung Theresienstadt. Hier waren Peter Finkelgruens Großeltern interniert. Der SS-Mann Anton Malloth erschlug 1942 Martin Finkelgruen und wurde erst 58 Jahre später für seine zahlreichen Verbrechen vor ein Gericht gestellt.

Die Kleine Festung Theresienstadt. Hier waren Peter Finkelgruens Großeltern interniert. Der SS-Mann Anton Malloth erschlug 1942 Martin Finkelgruen und wurde erst 58 Jahre später für seine zahlreichen Verbrechen vor ein Gericht gestellt

So auch bei Anton Malloth, der sich keine große Mühe machte, seine Identität zu verschleiern. Zunächst lebte er unbehelligt in Meran, später wurde er ausgewiesen und siedelte ins bayerische Pullach über. Auch hier wohnte er ohne Anklage, ohne juristische Folgen. Erst im Jahr 2000, unfassbare 58 Jahre nach der Ermordung Martin Finkelgruens, erhob die Staatsanwaltschaft München Anklage. Ein Jahr später wurde Malloth zu lebenslanger Haft wegen Mordes und versuchten Mordes verurteilt. Zehn Tage vor seinem Tod im Jahr 2002 wurde der ehemalige SS-Scherge aus der Haft entlassen. Er wurde 90 Jahre alt. Kann man an so etwas zerbrechen? Kann man als Angehöriger eines Opfers noch normal leben und nicht verzweifeln, wenn man einen Mörder sieht, der keinen Hehl aus sich selbst und seiner SS-Karriere macht, dessen diabolische und mörderische Taten vielfach bezeugt wurden, jedoch keine echten Konsequenzen nach sich zogen? Peter Finkelgruen macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Doch merkt man ihm auch ein gewisses Maß an Erschöpfung an. Kein Wunder.

Peter Finkelgruens Reise war in Prag nicht zu Ende. 1951 machte er sich mit seiner Großmutter auf den Weg ins Heilige Land. Aber in Israel blieb er nicht für immer. Bereits wenige Jahre später kam er zurück in die Bundesrepublik, wo er zunächst studierte und dann als Journalist und Autor arbeitete. 1981 ging er wieder nach Israel und war in Jerusalem als Korrespondent für die Deutsche Welle im Einsatz. Ein rastloses Leben. In Deutschland suchte er sich schließlich Köln als dauerhaften Wohnsitz aus. Heimat? Auch diese Frage umschiffte Finkelgruen elegant. Das kann ein ihm vertrauter Straßenzug in Jerusalem sein. Oder sein Veedel in Köln. Als er Israel wieder verließ, kam er Malloth dank eines Tipps langsam auf die Spur. Zehn Jahre lang versuchte er nun einen Ankläger zu finden, der den Mörder seines Großvaters vor Gericht stellen würde.

Peter Finkelgruen in den Räumen der Jüdischen Gemeinde in Gießen. Durch den Abend führte Gastgeberin Tal Kaizman vom Jüdischen Nationalfonds-KKL

Peter Finkelgruen in den Räumen der Jüdischen Gemeinde in Gießen. Durch den Abend führte Gastgeberin Tal Kaizman vom Jüdischen Nationalfonds-KKL

Interessant waren Peter Finkelgruens Ausführungen im Anschluss an die Filmvorführung. Vor allem die Aussage, dass kurz nach der Staatsgründung Israels ein Großteil der dort lebenden Bürger mehr oder minder psychisch traumatisiert bzw. angeschlagen gewesen seien, hat mich beeindruckt. Denn es klang vollkommen plausibel. Israel war kurz nach seiner Gründung ein Zwergstaat mit einer Bevölkerungszahl unter einer Million. Und die meisten dieser Menschen hatten irgendwie den Holocaust überlebt. Ich denke, es ist vollkommen nachvollziehbar, dass kein Mensch ohne geistige Schäden – von körperlichen mag ich gar nicht sprechen – den jahrelangen Überlebenskampf in den deutschen Konzentrationslagern überstanden hätte. Entsprechende Verhaltensauffälligkeiten seien Finkelgruen im Israel der 1950er-Jahre häufig im Alltag begegnet. Dem widersprach zwar ein Zuhörer energisch, doch brachten mich Peter Finkelgruens Erfahrungen zum Grübeln.

Die Geschichte der Familie Finkelgruen ist auch eine deutsch-jüdische Geschichte. Sie zeigt deutlich, wie sehr deutsche und jüdische Leben miteinander verbunden sind. Wie sehr Deutsche und auch Israelis auf eine gemeinsame Geschichte zurückblicken können. Ich sag das immer sehr gerne, dass Deutsche und Israelis mehr verbindet, als es beiden Seiten lieb sein mag. Hier fand ich mich bestätigt.

© Fotos und Text Bastian Glumm – Alle Rechte vorbehalten

Peter Finkelgruen bei Amazon

...verarbeitete diese in mehreren Büchern.

Peter Finkelgruen brachte seine Erlebnisse und seine Lebensgeschichte zu Papier und verarbeitete diese in mehreren Büchern

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Eine Antwort to “Mit Peter Finkelgruen in Gießen”

  1. urideg Says:

    Danke! Ein sehr schöner und passender Beitrag!

    Noch ein paar weitere Texte über Peter Finkelgruen:

    Hier ein umfangreicher haGalil-Themenschwerpunkt mit zahlreichen Beiträgen von und über Peter Finkelgruen, anlässlich seines 70. Geburtstages erstellt:
    http://www.hagalil.com/archiv/2012/03/07/finkelgruen-11/

    Hier, vergleichbar Ihrer Studie, ein umfagreicher Beitrag über Peter Finkelgruens bewegte Vita:
    http://www.hagalil.com/archiv/2012/03/05/finkelgruen-7/

    Und hier zwei bebilderte Beiträge über die Baumpflanzung in Köln-Sülz für Peter Finkelgruen und dessen ermordeten Großvater Martin Finkelgrün, anlässlich Finkelgruens 70.ten Geburtstages (Ort: Köln-Sülz, Mittelstreifen des Sülzgürtels, in Höhe der Außenfassade des früheren Kinderheimes):

    http://www.hagalil.com/archiv/2012/03/19/finkelgruen-13/

    http://www.suelz-koeln.de/?p=11023

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