Märchenstunden der Meinungsmacher (UPDATE)

Es ist sicher richtig, dass der Blick in die Leserkommentarspalten der so genannten „Qualitätsmedien“ nicht zwingend ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft zeigen muss. Dafür ist die breite Masse zu faul, alles immer im Internet kommentieren zu müssen. Es sind dann doch eher die Eiferer, die sich zu ganz bestimmten Ereignissen viel zu ausführlich zu Wort melden. Und doch kann einem Angst und Bange werden, wenn man lesen muss, was zu bestimmten Themen dort en masse daherfabuliert wird. Da vermischt sich Ressentiment mit Unwissen und Ideologie mit blankem Hass. Kaum eine vernünftige Stimme kann sich da noch Gehör verschaffen. Und wenn, dann wird sie gnadenlos niedergeschmiert. Derartiges passiert tatsächlich bei den meisten Online-Portalen der großen Zeitungen. Und nicht nur bei denen, die für eine tendenziöse Berichterstattung ohnehin ihren Ruf weghaben.

Von nichts kommt nichts. Und wer in eine bestimmte Richtung schreibt, der bekommt auch ein ganz bestimmtes Publikum. Diese Klientel muss dann auch weiter gefüttert werden, so man sie an den eigenen Publikationen halten will. Exemplarisch sei hier das Onlineangebot des Spiegels etwas näher beleuchtet. Nicht erst seit den geistigen Entgleisungen eines Jakob Augstein (selbsternannter Nahost-Experte, der nie im Nahen Osten gewesen ist) zum Thema Israel, ist SPON dafür bekannt, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Aber das ist nicht das schlimmste an den Texten, die immer wieder aus der Hamburger SPON-Redaktion sprudeln. Geht es um Israel, dann vertreten fast alle Redakteure eine klar einseitige Position. Und lassen das auch den Leser wissen. Es wird sich niemals große Mühe gemacht, auch nur den Anschein zu erwecken, dass man neutral über den Nahost-Konflikt zu berichten beabsichtigt. Die Feindbilder sind klar definiert. Täter und Opfer sind bei diesem Thema für SPON immer schon vorher ausgemacht.

Checkpoint der israelischen Grenzpolizei mitten im Gassengewirr Hebrons. Regelmäßig kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten Palästinensern und den israelischen Sicherheitskräften (Foto: B. Glumm)

Checkpoint der israelischen Grenzpolizei mitten im Gassengewirr Hebrons. Regelmäßig kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten Palästinensern und den israelischen Sicherheitskräften (Foto: B. Glumm)

Zwei Texte sind mir in den vergangenen Wochen diesbezüglich besonders negativ aufgestoßen. Im Zusammenhang mit der Entführung der drei jungen Israelis bei Hebron und der darauf folgenden Suchaktion von Armee und Polizei, berichtete SPON wie gehabt auf seine ganz spezielle Weise. Das Elaborat „Verschwundene Teenager: Netanjahu nutzt Entführung für Stimmungsmache“ der Autorin Julia Amalia Heyer bezieht hier klar Position und ist ein Paradebeispiel dafür, wie man beim Spiegel Meinung zu machen versucht. Während es früher klar gekennzeichnete Kommentarspalten gab, in denen die jeweiligen Autoren ihre Meinungen zu bestimmten Nachrichtenthemen kundtaten, ist bei einem derartigen Text Nachricht, Reportage, Meinung, Erfahrung und die subjektive Wahrnehmung des Autors längst zu einem übel stinkenden Brei verrührt, dessen Genuss für den arglosen Medienkonsumenten zum direkten Weg in den Kommentarbereich nicht nur von SPON führt. Sowas kommt von sowas! Und genau das ist ja auch so gewünscht.

Ein genauer Blick in Heyers Text zeigt zunächst, dass sie mit Geplänkel und Allgemeinplätzen einleitet. Das ist in Ordnung. Bereits die erste Zwischenüberschrift lässt erahnen, wohin ab dann die Reise geht: „3000 Soldaten suchen nach drei Teenagern“. Schon hier lässt Heyer den Leser auf subtile Weise wissen, dass der Einsatz von 3000 Soldaten für die Suche nach drei „Siedlern“, wie sie später gerne ausführt, doch nicht mehr verhältnismäßig sei. Woher sie die Zahl 3000 hat, das bleibt im Dunkeln. Und dass auch die Polizei, die Grenzpolizei und die Geheimdienste an der Suche beteiligt sind, spielt für Heyer hier erstmal keine Rolle. Die Katze aus dem Sack lässt sie dann aber im Absatz darunter. Es handelt sich nicht mehr um Teenager, sondern um „Siedler“. Auf diese Weise rückt sie die drei jungen Schüler in die gewünschte Richtung. Denn Kindern, Teenagern oder schlicht und ergreifend jungen Menschen bringt man Sympathien entgegen. Oder entwickelt gar Beschützergefühle. Das ist bei „Siedlern“ nicht der Fall. Denn die sind von Grund auf böse. Dass viele Deutsche diese Sicht haben, ist auch das Ergebnis einer jahrelangen Berichterstattung wie jene, die Julia Amalia Heyer mit ihrem Bericht an den Tag gelegt hat. Fährt man mit der Lektüre ihres Textes fort, dann dreht sie die Schrauben noch fester.

Man lese sich folgenden Satz durch, lasse ihn sacken und schlussfolgert dann bitte:

Es ist bitter, aber politisch kommt ihm die Tragödie um die drei „Jungs“, wie er sie nennt, zupass.

Mit „ihm“ ist Benjamin Netanjahu gemeint. Und Jungs sind da „Jungs“ in Anführungszeichen, nur weil Netanjahu sie so nennt. Vor allem sind es nämlich „Siedler“, die man gefälligst nicht zu Jungs zu verniedlichen hat. Da bleibt einem schon die Spucke weg, wenn so was auch noch als seriöser Journalismus bezeichnet wird. Die Zielrichtung dieser Formulierung ist eindeutig: Jungs sind einfach nur Jungs, die unvorsichtig waren und zu Opfern eines Verbrechens wurden. Das aber will Heyer mit ihrem Text auf gar keinen Fall ausdrücken, geschweige denn zugeben. Sie tauscht Opfer und Täter einfach aus. Denn „Siedler“ sind aus ihrer Sicht vor allem fanatische Täter, die es doch selbst Schuld seien, wenn sie entführt würden. Und außerdem seien sie ja unvorsichtig gewesen, da sie auf Warnungen der Armee und von Shin Bet nicht gehört hätten. Schon erstaunlich, dass gerade SPON so etwas schreibt. Einen Halbsatz später ist sie schon wieder stramm auf Kurs:

Es gibt genügend eindringliche Warnungen der israelischen Armee und des Inlandgeheimdienstes Schin Bet, genau das nicht zu tun – aber für die Siedler ist die uneingeschränkte Bewegungsfreiheit auf palästinensischem Territorium Teil ihrer Gesinnung.

Dieser Text ist ein ausgezeichnetes Beispiel für deutschen Schmierenjournalismus, der sich immer wieder zu noch tieferen Tiefpunkten aufmacht! Natürlich darf der Rundumschlag gegen „Hardliner“ Netanjahu nicht fehlen. Aber so etwas erwartet man ja fast schon vom Spiegel.

Der Ortskern Hebrons. Rund 160.000 Menschen leben in der Stadt selbst. Im Großraum sind es sehr viel mehr. Die jüdischen Gebiete sind sehr viel dünner besiedelt und werden von der Armee und der Grenzpolizei aufmerksam bewacht (Foto: B. Glumm)

Der Ortskern Hebrons. Rund 160.000 Menschen leben in der Stadt selbst. Im Großraum sind es sehr viel mehr. Die jüdischen Gebiete sind sehr viel dünner besiedelt und werden von der Armee und der Grenzpolizei aufmerksam beschützt (Foto: B. Glumm)

Liest man sich diesen Text dann noch einmal durch, fällt auf, dass die Palästinenser überhaupt nicht als Täter vorkommen. Sie kommen höchstens als Opfer vor. Denn Netanjahu „machte bereits den Schuldigen aus“, die Hamas. Ohne Beweise selbstverständlich. Und das alles sei ihm ja so sehr zu pass gekommen. Etwas mehr Empathie beweist Autorin Raniah Salloum. Aber freilich auch nur für die Palästinenser. In ihrem Text lässt sie Bewohner Hebrons über die israelische Regierung schimpfen und „Siedler“ lobende Worte finden. Auch hier wie gehabt klar gezeichnete Fronten, keine Ausbrüche, kein Blick nach links oder rechts. Die Scheuklappen sitzen perfekt. Da hilft auch das Stilmittel der „Vor-Ort-Reportage“ nicht.

Passend dazu auch dieses Bild, das in einer Fotoserie zum Text veröffentlicht wurde.

Wenn man „kleiner Unruhestifter“ hört, an wen denkt man dann? An einen, der zur Mittagszeit zu laut singt? Oder vielleicht an jemanden, der Kaugummi unter die Schulbank klebt? Oder sogar an jemanden, der sich mit seinen Kumpels auf offener Straße rauft? Dieser „kleine Unruhestifter“ scheint für sein Tun öfters von den Israelis eingebuchtet zu werden. Also muss er wohl doch etwas mehr auf dem Kerbholz haben, als SPON in seiner Bildunterschrift zu suggerieren bzw. zu verniedlichen versucht. Bei der Lektüre des Textes ist dann auf einmal von Steinwürfen die Rede. So so. Aber alles ganz harmlos, er ist ja nur ein Unruhestifter (ein stolzer). Auf Biegen und Brechen wird Hebron als friedlicher Hort der palästinensischen Toleranz und Liebe permanent schöngeredet. Also der muslimische Teil, im jüdischen leben ja bekanntermaßen die Teufel mit Kippa. Das ist die Meinungsmaschinerie von Spiegel Online, die viel zu viele Leute fressen, ohne mal selbst nachzuforschen und ihr Hirn einzuschalten.

Gepanzertes Fahrzeug der Grenzpolizei unweit der Höhle der Patriarchen. Uniformierte sind im jüdischen Teil Hebrons omnipräsent. Das arabische Hebron ist erzkonservativ und wird von der PAlästinensischen Autonomiebehörde regiert (Foto: B. Glumm)

Gepanzertes Fahrzeug der Grenzpolizei unweit der Höhle der Patriarchen. Uniformierte sind im jüdischen Teil Hebrons omnipräsent. Das arabische Hebron ist erzkonservativ und wird von der Palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet (Foto: B. Glumm)

Es ist schade und wird auch dem ganzen Konflikt im Heiligen Land nicht annähernd gerecht, dass in Deutschland kaum noch Medien neutral und wahrhaftig berichten. Warum für viele Zeitungen und auch Fernsehsender die Palästinenser einen so hohen Stellenwert haben, dass man sich so dermaßen schwertut, auch ihre unheilvolle Täterschaft in diesem Dauerkonflikt wahrzunehmen und sie nicht nur dauernd zu frommen Lämmchen erhöht, bleibt mir schleierhaft. Es ist sicher richtig, dass Israel Fehler macht. Schwere Fehler und Dummheiten. Israelis sind auch nur Menschen und Menschen machen nun mal Fehler. Egal in welcher Position sie sind und wo sie wohnen. Aber medial stürzt man sich vor allem auf diese Fehler und bauscht sie zu unfassbaren Horrorgeschichten auf. Aus meiner Sicht gibt es in der deutschen Medienlandschaft kein Thema, über das so viel berichtet wird wie über Israel und auch über den Nahost-Konflikt. Und über kein Thema wird so viel falsch, so verzerrt und so meinungsschwanger berichtet.

Von Bastian Glumm

Update, 27. Juni 2014:

Inzwischen sind die Namen von zwei Entführern bekannt. Und wenn man vom Teufel schreibt, dann erscheint er auch. Hier spuckt Jakob Augstein in seiner aktuellen Kolumne Gift und Galle gegen Israel (bei der Lektüre dieses Textes nicht vergessen, dass der Mann Israel nur aus dem Fernsehen kennt): Entführte israelische Teenager: Das verzweifelte Land

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Eine Antwort to “Märchenstunden der Meinungsmacher (UPDATE)”

  1. Zeilentitan Says:

    Es ist ja eine ganze Weile ruhig um ihn geworden. Zumindest, was das Israel-Bashing angeht. Aber er muss seine Fans halt bei der Stange halten und dazu eignet sich so ein Text allemal. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Typ in Bälde wieder öfters in die Tasten hauen wird.

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