Lähmende Illusion vom Frieden

Also alles wieder auf Null, das Drama geht weiter, die Vorhänge öffnen sich erneut. Es ist schon erschreckend, wie ähnlich das Szenario im Vergleich zum Jahr 2012 ist. Zwar mögen die Gründe für die Eskalation verschiedene sein, doch die Art und Weise, wie dieser Konflikt jetzt wieder geführt wird, ist vergleichbar mit den Geschehnissen von vor zwei Jahren. Wieder ertönen die Sirenen in israelischen Großstädten. Wieder die verwackelten und nur schwer erträglichen Handyaufnahmen, auf denen Menschen zu sehen sind, die in Panik in Hauseingänge hechten. Mit Kindern an der Hand, die nicht selten lauthals weinen. Im Hintergrund heulen die Sirenen ohrenbetäubend. Wieder feuert die Hamas aus dem Gazastreifen Unmengen an Raketen auf israelisches Gebiet und wieder putzt das geniale Luftabwehrsystem Iron Dome der israelischen Armee zahlreiche dieser Flugkörper aus. Die israelische Luftwaffe antwortet mit Angriffen auf Gaza. Wie konnte es soweit kommen? Es war doch zuletzt relativ ruhig in der Region?

Relativ bleibt relativ. Mehr nicht. Vor allem im Nahen Osten. Auch wenn es oberflächlich ruhig erscheint, braucht es nicht selten nur einen kleinen Funken, um die ganze Lage lichterloh zu entzünden. Und die Entführung der drei jungen israelischen Schüler bei Hebron war kein Funken, sondern ein kapitales, mörderisches und bestialisches Verbrechen. Damit begann das Drama, das bereits früh eine Eigendynamik entwickelte, die von der israelischen Regierung nur noch schwer steuerbar war. Bereits früh wurde die palästinensische Terrororganisation Hamas für die Entführung und Ermordung der Jugendlichen verantwortlich gemacht. Allein dafür wurde Premierminister Benjamin Netanjahu in den deutschen Medien harsch kritisiert, würde er doch Beweise schuldig bleiben, dass es die Hamas überhaupt gewesen sei. Diese Hamas spielte das Spielchen selbstredend mit, wies die Schuld stets weit von sich, applaudierte aber gleichzeitig den Entführern und hat für diese lobende Worte übrig.

Und genau an dieser Stelle verläuft die Linie, nein, die tiefe Kluft, die diese Konfliktparteien trennt. Das sollten sich vor allem jene Diskutanten endlich mal bewusst machen, die Israel und die Hamas gerne auf eine Stufe stellen. “Da unten sind ja auf beiden Seiten Radikale am Werk”, tönt es doch aus den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke und sogar aus den Mündern von Nachrichtensprechern. Ist das so? Der Ermordung der drei jüdischen Schüler folgte ein weiteres Verbrechen, das an einem palästinensischen Jungen verübt wurde. Im arabischen Ost-Jerusalem wurde dieser tot aufgefunden. Schnell wurde kolportiert, dass es sich um einen Racheakt gehandelt haben soll. Keiner dieser bestialischen Morde sollte gegeneinander aufgerechnet werden. Das wäre ganz großes Unrecht. Und doch zeigt sich im Umgang mit diesen Verbrechen diese tiefe Kluft zwischen israelischer und palästinensischer Gesellschaft so deutlich wie selten.

Denn man darf jetzt sicher sein, dass die israelischen Behörden die Täter des ermordeten arabischen Jungen ermitteln und vor Gericht stellen werden. Und diese werden dann so abgeurteilt, wie das in einem Rechtsstaat üblicherweise gehandhabt wird. Gleichzeitig brauchen die Israelis nicht zu hoffen, dass sie aus palästinensischen Reihen Zeichen des Mitgefühls für den Tot der drei Jeschiva-Studenten erfahren werden. Geschweige denn Hilfe bei der Suche nach den Tätern. Ganz im Gegenteil. Da halten vom Kleinkind, dem erwachsenen Ladenbesitzer bis hin zur bekopftuchten Mutti fast alle fotografierten Palästinenser mit breiter Brust und diabolischem Lachen die drei Finger in die Pressekameras. Das Zeichen, dass man stolz darauf ist, diese drei Juden entführt und ins Jenseits befördert zu haben. Also Radikale auf beiden Seiten? Beide Seiten unterscheiden sich also nicht in der Art und Weise, wie sie diesen Konflikt ausfechten? Wer das behauptet, der hat keine Ahnung. Bei all der Tragik mit Tod und Vernichtung, die in diesen Tagen in Israel und Gaza wieder ihren Lauf nimmt, führt die genaue Betrachtung dieser Auseinandersetzung wieder zu einem Gedanken, der alle Träumereien wie Seifenblasen zerplatzen lässt. Es wird dort niemals Frieden geben. Und das liegt nicht an den Israelis, auch wenn die deutschen Medien nicht müde werden, das gebetsmühlenartig zu wiederholen.

In all den Jahren, in denen ich mich mit dem Nahen Osten befasse und auch nach Israel reise, ist mir niemals eine wirklich beruhigende Stimme oder eine gutgemeinte Geste eines Palästinensers untergekommen. Zu keinem Zeitpunkt. Ob das nun der Kellner in Ost-Jerusalem war, der Hitler ganz toll fand. Oder die palästinensische Dame in Hebron, die Israel für all das Unglück auf der Welt verantwortlich machte: kein Wort der Versöhnung, kein Wort des Entgegenkommens oder des Mitgefühls. Blanker Hass auf die Juden und auf den Staat Israel. So wird es keinen Frieden geben, da kann Israel machen, was es will. Denn das sind keine Einzelstimmen. Diese Äußerungen kommen auch von Vertretern der Palästinensischen Autonomiebehörde – geführt von korrupten Despoten – und anderen führenden Persönlichkeiten. Das wird schon in palästinensischen Schulen gelehrt und im PA-Fernsehen gezeigt. In Gaza werden die Kinder sogar in Sommer-Ausbildungscamps gesteckt und indoktriniert. Und Israel will keinen Frieden? Was erwartet die Weltöffentlichkeit eigentlich von Israel? Wie soll es mit solchen Gegnern umgehen? Wie macht man mit Menschen Frieden, die ihren Kindern lehren, dass Juden Teufel seien, die es zu vernichten gilt? Wie soll das gehen? Wen soll man ansprechen, um in Sachen Frieden voranzukommen?

Fragen, auf die niemand eine rationale Antwort hat. Vor allem deutsche Journalisten nicht. Derweil hageln die Raketen auf Israel. Sogar bis nach Jerusalem. Das ist neu. Benjamin Netanjahu wird gerne als Hardliner dargestellt. Wieso eigentlich? Er hat vor einigen Tagen einen sehr schönen Satz gesagt, der die israelische Verhaltensdoktrin deutlich macht: “Wir werden Ruhe mit Ruhe beantworten”. Bibi steht unter nicht unerheblichen Druck. 40.000 Reservisten wurden jetzt mobilisiert und nicht wenige Stimmen in Israel fordern eine Bodenoperation in Gaza, um mit dem Treiben der Hamas ein für alle Mal Feierabend zu machen. Davor scheut Netanjahu, weiß er nur zu genau, dass Orts- und Häuserkampf im Großstadtmoloch Gaza auch unter den israelischen Truppen zahlreiche Opfer fordern würde. Dann wäre der Krieg in vollem Gange und viele Dinge könnten passieren, die zu noch weiteren Eskalationsstufen führen könnten. International würde das Israel nur wieder in eine isolierte Ecke führen. Egal was er macht, es wird falsch sein.

Was die Hamas mit ihren Aktionen erreichen will, ist derzeit das größte Fragezeichen im Gesamtkomplex. Die Hamas gilt längst als finanziell am Ende und soll seit April ihren Leuten keine Gehälter mehr ausgezahlt haben. Jeder gezielte Schlag der israelischen Luftwaffe schwächt die Organisation weiter. Denn getroffen werden nicht nur logistische Ziele und Abschussrampen. Auch Hamas-Kommandeure werden ganz gezielt aufs Korn genommen. Ein Aderlass, den die Terroristen nur schwer ausgleichen können. Gleichzeitig steht die Hamas auch in Ägypten wieder auf der Terrorliste. Die Grenzen sind längst dicht. Ägyptens Schmusekurs unter Ex-Präsident Mursi hielt nicht lange an. Jetzt ziehen die Militärs in Kairo wieder die Fäden und die Hamas steht allein. Geht es also doch um die neue Einheitsregierung mit der Fatah? Denn mit dem kontinuierlichen Beschuss setzt die Hamas so auch den Fatah-Präsidentin Mahmud Abbas unter Druck. Wir werden sehen, wie lange die Hamas das so weitermachen kann und wie lange Netanjahu es schafft, eine Bodenoffensive aufzuschieben.

Der Journalist Ulrich W. Sahm hat vor einigen Tagen einen Text verfasst, der mich nachdenklich machte. Und der erfahrene Israel-Korrespondent muss es wissen. Was würde passieren, wenn die Hamas abtreten würde und ob es ein Machtvakuum geben würde. Oder würde wer nachrücken? Es bestünde Sahm zufolge die Gefahr, dass Organisationen wie Islamischer Dschihad oder sogar ISIS unmittelbar nachrücken würden, um im Gazastreifen die Macht zu übernehmen. Also noch schlimmer als die Hamas. Das spricht nicht unbedingt für die Bevölkerung von Gaza. Und nimmt Israel für die Zukunft und kommende Konflikte die Optionen.

Von Bastian Glumm

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Eine Antwort to “Lähmende Illusion vom Frieden”

  1. israelkompetenzkollektion Says:

    Zur weiteren Info: http://israelkompetenzkollektion.wordpress.com/2014/07/09/operation-schutzlinie-israelunderfire/#more-1862

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