Nur 25 Kilometer

Es ist kurz vor 7 Uhr morgens in Solingen. Wie jeden Tag steige ich in meinen Wagen. Ende Oktober und morgens um diese Zeit ist es noch stockdüster. Ich ahne, was mich jetzt wieder erwartet. Wie fast jeden Tag. Ich pendle nach Düsseldorf. 25 Kilometer sind es bis zu meiner Arbeitsstelle. Nicht sehr viel, mag man da leichtfertig denken. Sowas reißt man doch in 20 Minuten ab, nicht wahr? Wie lang 25 Kilometer wirklich sein können, wissen viele Tausend Solinger Pendler, die sich Tag für Tag auf den Weg in die Landeshauptstadt und anderswo machen. Ich bin einer von ihnen.

Um nicht ins Lenkrad beißen zu müssen, habe ich vorsorglich Bach aufgelegt. Wie fast jeden Morgen. Diesmal die Brandenburgischen Konzerte. Das beruhigt. Kurz vor Central die ersten Bremslichter. Los geht der Spaß. Was hält uns diesmal auf nach rund drei Minuten Fahrtzeit? Orangene Warnlichter blinken. Müllabfuhr. Die da steht und Müll abfahren will. Mitten auf der T-Kreuzung Central. Abbiegen unmöglich und überholen bei dem Gegenverkehr erst recht nicht. Es staut sich zurück auf die Schlagbaumer Straße. Man hört mehrere Hupen und sieht Fahrer gestikulieren. Dramen spielen sich ab. Sinnlose Energieverschwendung. Ich stehe an der Ampel und lausche Fagott und Cembalo. Und atme erstmals ganz tief durch.

7.15 Uhr. Es geht weiter. Die Karawane kriecht die Wuppertaler Straße entlang. Erst den Berg runter an Haribo vorbei. Dann den Berg wieder hoch Richtung Museum Baden. Der Verkehr wird dichter. Alle wollen sie zur Autobahn. Links geht es auf den Zubringer mit dem schönen Namen Roggenkamp. Geradeaus weiter nach Wuppertal. Ich aber muss nach Düsseldorf und stelle mich hinten an. Denn der Roggenkamp ist brechend voll. Jeden Morgen Rückstau bis zur Wuppertaler Straße. Es geht im Schneckentempo den Zubringer hoch. Nach Minuten die erste Ampel. Ein Grund für den Stau. Warum diese Ampel zur Eipaßstraße bei derartigen Lagen eingeschaltet sein muss, wissen nur die Verkehrsplaner. Dann die nächste Ampel. Rechts geht es nach Vohwinkel. Trotz Bach erwische ich mich auf einmal bei negativen Gefühlen und Gedanken. Jetzt haben die Wuppertaler schon 20 Anschlussstellen zur A46 und müssen uns Solingern den einzig naheliegenden Weg über Haan-Ost mit ihrem blöden Zubringer nach Vohwinkel auch noch erschweren. Immer diese Wuppertaler.

7.25 Uhr. Noch zwei Ampeln bis zur A46. Rechts geht es auf die Bahn nach Wuppertal. Links kann man nach Haan fahren. Ich muss warten, denn ich will geradeaus weiter. Rückstau von vorne? Schon wieder? Ich dreh Bach ein wenig lauter. Die Ampel wird grün. Und alle bleiben stehen. Nach einiger Zeit wieder rotes Licht. Niemand kam weiter. Zehn Minuten dauert es, bis ich diese Hürde endlich nehmen kann. Noch eine Ampel bis zur A46. Ich verfluche die Verkehrsplaner, die diese Anschlussstelle zur A46 umgesetzt haben. Zwei stark befahrene Kreuzungen hintereinander. Wie dämlich kann man eigentlich sein. Ich schalte den Solinger Lokalsender ein und höre Nachrichten. Infantiles Gequake. Ich zähle die Verhaspler der Nachrichtensprecher. Diesmal sind es vier. Guter Durchschnitt. Das nervt und macht nur noch aggressiver. Deshalb schnell zurück zu Bach, bevor ich zu zittern beginne. Drei Ampelphasen später habe ich es endlich geschafft. Ich krieche auf die A46 in Richtung Düsseldorf. Die rechte Spur ist zu. In der Mitte und links geht es zumindest langsam weiter. Einschlängeln ist schwer, keiner lässt einen rein. Frust kommt auf.

7.45 Uhr. Auf der A46, kurz vor der Anschlussstelle Haan-West. Niemals auf der rechten Spur bleiben. Im Hildener Kreuz ist jeden Tag Stau und vollkommenes Chaos. Und das strahlt in alle Richtungen aus. Deshalb dieser penetrante Stillstand auf der rechten Spur. In der Mitte geht es zumindest langsam vorwärts. Lastwagen scheren von rechts aus und drängeln sich in die Mitte. Wütende Lichthupen zucken auf. Jetzt auch Stillstand hier. Andere weichen nach links auf die Überholspur aus. Auch da geht bald nur noch wenig. Blanker Hass wechselt sich mit Ungeduld ab. An ein pünktliches Erscheinen in Düsseldorf ist nicht mehr zu denken. Immerhin habe ich schon knapp zwölf Kilometer absolviert. Bravo! Zwischendurch kurz auf WDR 5 gezappt. Dort sagt der Sprecher was von 30 Kilometern Stau und stockendem Verkehr zwischen den Kreuzen Wuppertal-Nord und Düsseldorf-Süd. Aha. Wieder kommen unschöne Gedanken auf. Wieder ärger ich mich über die Nachrichten im Lokalsender. Denn die hatten vorhin was erzählt von Stau zwischen Haan-Ost und Hilden und Hilden und Düsseldorf-Eller mit insgesamt vielleicht 15 Kilometern. Und warum eigentlich aus einem großen Stau zwei kleinere machen? Plötzlich frage ich mich selbst, warum ich mich überhaupt darüber aufrege und derartige Gedanken verschwende. Ändert ja doch nichts.

8.00 Uhr. Nachrichten. Schon wieder. Schon zum dritten Mal heute. So viel kann sich in 60 Minuten nicht getan haben, weshalb ich bei Bach bleibe und das Radio jetzt Radio sein lasse. Immerhin bin ich hinter dem Hildener Kreuz und sehe am Horizont das rettende Schild, das mir in 600 Metern die Abfahrt in Erkrath verspricht. Na endlich. Hier laufen viel zu viele Spuren aufeinander zu, verengen sich und verlangen vom Verkehrsteilnehmer das angewandte Reißverschlusssystem. Leider funktioniert das vorne und hinten nicht. Deshalb geht es hier so dermaßen langsam voran. Noch 400 Meter bis nach Erkrath. Jetzt kann ich die Abfahrt nehmen und verlasse die A46 wieder nach über einer halben Stunde für die paar Kilometer. Ich lasse diesen blechgewordenen Albtraum auf sechs Spuren hinter mir. Zumindest für einige Stunden. Wieder habe ich die Wahl. Geradeaus über Unterbach oder doch lieber nach rechts über Erkrath? Ich könnte auch hinter Unterbach links die Vennhauser Allee nehmen. Es ist alles so unkalkulierbar.

8.10 Uhr. Ich habe mich für Erkrath entschieden. Geradeaus über Unterbach nach Gerresheim ist zu risikoreich. Die Baustelle, die dort seit fast einem Jahr den Durchgangsverkehr massiv ausbremst, ist unberechenbar. Bloß kein Risiko mehr eingehen. Langsam wird es hell. Ich bin froh, dass es nicht geregnet hat. Dunkelheit und Regen mit unendlich vielen Autoschweinwerfern ist eine schlechte Kombination für einen bebrillten Blindfisch wie mich. Immerhin geht es jetzt einigermaßen flüssig weiter. Zum ersten Mal heute Morgen. Am Verwaltungsgebäude der Firma Grundfos biege ich links ab und fahre einmal quer durch Erkrath. Ganz am Ende geht es links noch einmal vorbei an Wald und Wiesen, bis ich in Gerresheim herauskomme.

8.20 Uhr. Auf dem Weg nach Flingern. Bach habe ich jetzt ausgemacht. Ich brauche ihn heute nicht mehr. Lasse den Johann Sebastian aber lieber mal griffbereit liegen, denn heute ist nicht aller Tage. Auf die letzten Meter ist Bob Marley fällig. One Love hat so einen genialen Rhythmus. Fast wie eine Siegeshymne. Wie ein Sieger fühle ich mich nicht, als ich weiter nach Düsseldorf fahre. Immerhin ist es jetzt nicht mehr so weit und der Verkehr fließt fast normal. Stimmung wird besser und die Musik sorgt für ein dezentes Grinsen.

8.30 Uhr. In Düsseldorf in der Nähe der Grafenberger Allee. Ich habe es mal wieder geschafft. Und bin angekommen. Müsste ich jetzt noch nach einem Parkplatz suchen, dann würde es locker mal kurz vor neun werden. Heute kann ich glücklicherweise in die Tiefgarage fahren. Innerlich muss ich ein wenig schmunzeln als ich darüber nachdenke, dass im Radio inzwischen zum vierten Mal die Nachrichten laufen. Und welche Filme haben eigentlich eine exakte Lauflänge von 90 Minuten? Ist doch eigentlich die klassische Spielfilmlänge. An guten Tagen fährt man in der Zeit locker von Solingen nach Limburg an der Lahn, Münster oder Lingen. 25 Kilometer. Von Solingen nach Düsseldorf.

Von Bastian Glumm

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